Warum Kommunikation Führung braucht

Ich betreue beruflich eine größere Zahl von Social Media Accounts und bin verantwortlich für die kommunikative Vernetzung von fünf Unternehmensstandorten. Privat treibe ich mich zunehmend in Foren und Gruppen herum, die sich mit den Themen auseinandersetzen die mich beschäftigen: zunehmender (Rechts-)Populismus, Politik, SPD und die kommunikativen Herausforderungen, die die weltweite Vernetzung mit sich bringt.

Ich beobachte die Kommunikation in SPD-Gruppen mit vielen tausend Mitgliedern, in Gruppen die sich generell mit dem Thema Politik beschäftigen. Besonders freue ich mich, dass ich Teil des Startteams von Schmalbart sein darf.

Überall beobachte ich tolle, kompetente Menschen die etwas zu sagen haben. Überall beobachte ich redundante und teils chaotische Kommunikation. Jeder darf alles sagen, es herrscht Basisdemokratie. Was fehlt sind oftmals Ergebnisse.

Wir  leben in einer Zeit der zunehmenden Vernetzung. Das ist großartig. Ich empfinde es als Segen, dass ich die nicht-digitale Zeit und nun den Übergang in die digitale Zeit erleben darf. Wir leben in einer Zeit des Lernens, mit den neuen Möglichkeiten umzugehen. Jeder darf alles sagen, Kommunikation macht Politik, führt zu politischen Veränderungen.

Warum wackelt der Hund mit dem Schwanz?

Weil er es kann. Und weil wir plötzlich immer und überall Dialog produzieren können, machen wir es. Wir tauschen uns aus, sammeln Ideen, stellen sie zur Verfügung. Das Leben wird „open source“. Alles unterliegt einem ständigen Veränderungsprozess. Das ist gut, denn Veränderung heißt sehr oft Verbesserung.

Kommunikation braucht ein Ziel

Wenn aber Austausch lediglich stattfindet, um Austausch stattfinden zu lassen, dann führt das zu sehr wenig. Entscheidungen versiegen in einem unendlichen Strudel weiterer Ideen, Revisionen und Befindlichkeiten.

Digitale Kommunikation findet meist in kopflosen Kontexten statt. Es gibt Gruppengründer, Administratoren, „Ins-Leben-Rufer“. Selten gibt es echte Führungskräfte. Auch, weil die Gruppe sie häufig nicht akzeptiert. Kaum trifft der Admin eine Entscheidung, wird er zum „Nazi“, „Diktator“ oder schlicht einem Schimpfwort ernannt. Ja, ich bin ein Freud von demokratischer Beteiligung. Aber:

Wir verwechseln etwas

Wir verwechseln Fragen, Zuhören, Ideen sammeln mit wahlloser Beteiligung aller. Das fördert wiederum das Gefühl sich ständig beteiligen zu müssen – um in der Timeline nicht nach unten zu rutschen. Es ist als ob das Kind, das am Lautesten und am Häufigsten schreit, auch am besten seinen Willen bekommt. Eine ungesunde Dynamik, eine Dynamik die keine Ergebnisse produziert, sondern nur immer mehr Fragen. Fragen sind gut, aber sie dürfen nicht auf alle Zeit unbeantwortet bleiben.

Unternehmen, Parteien und Institutionen halten sich oftmals ganz raus. Sie stellen, zum Beispiel durch ein Posting bei Facebook, etwas zur Diskussion und lassen der sich entspinnenden Kommunikation dann so lange freien Lauf, bis die Eskalationsstufe nur noch eine harte Intervention offen lässt.

Das Profil ergibt sich erst im Dialog, nicht im Content.

Populistische Ausschläge links und rechts zeigen uns, dass wir wieder zur Ruhe kommen müssen. Und um das zu erreichen brauchen wir Führung in der Kommunikation. Lange Zeit haben das die Redaktionsstuben übernommen, denen diese Rolle zugestanden wurde. Heute müssen wir lernen Menschen anzuerkennen die unsere Kommunikation in Gruppen, Foren und Chats leiten. Und vor allem: es muss Menschen geben, die bereit sind die Rolle professionell auszufüllen. Community Management ist kein Fingerspiel, sondern benötigt Profis. Von denen es zu wenige gibt.

Wir lügen uns in die Tasche

In der schönen neuen Welt sprechen wir dauerhaft von Netzwerken, flachen Hierarchien und „lean“. Trotzdem stehen nur ein paar der Kollegen im Unternehmen im Handelsregister, alle anderen können jederzeit weg. Nur ein paar Leute im Unternehmen stecken privates Kapital in das Geschäft, die anderen partizipieren durch Gehälter. Auf der Brücke eines Schiffs steht eine kleine Gruppe von Menschen, rund um den Kapitän, nicht das gesamte Team bestimmt was getan wird.

Wir ergeben uns heute zu oft dem Partizipations-Wahn. Dabei sein ist alles, aber bitte ohne Verantwortung.

Was also tun?

Wir dürfen, können und müssen die wunderbaren Möglichkeiten der Partizipation und Beteiligung ausnutzen und überall dort einsetzen wo sie Sinn stiften. Masse ist nicht „dumm“ und nicht „klug“, sie bietet ganz einfach einen umfassenderen Blick, als es dem einzelnen jemals möglich wäre.

Diese Ergebnisse müssen genutzt- und Entscheidungen getroffen werden. Wenn wir Demokratie wollen, dann müssen wir sie auch zulassen. Im Moment bewegen wir uns im Zeitalter der kommunikativen Anarchie. Die Lösung ist die Idee der parlamentarischen Demokratie auch in unsere Alltagskommunikation zu tragen.

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