Näher am Menschen und engagiert – was Parteien jetzt tun sollten

Onlinekommunikation ist nicht neu. Betrachtet man die Auftritte vieler Parteien und Politiker, so fragt man sich, warum sie sich nach wie vor gegen den Dialog im Internet sträuben. Der Artikel zeigt wie sie es angehen können und nennt die neun Schritte zur gekonnten Kommunikation von Parteien in Social Media.

Vorweg:

Bis vor 18 Monaten hätte ich mich als „unpolitisch“ beschrieben. Ja, ich war mit Mitte 20 mal Mitglied der CDU. Das hat sich aber rasch wieder erledigt. Danach kam lange nichts. Seit 2014 hat sich das geändert. Ich habe das Gefühl aktiv werden zu wollen. Ich bin jetzt SPD-Mitglied. Mit Freude.

Jeder spricht von „Basis“. Aber die Basis bricht weg, sie stirbt weg und es kommt wenig nach. Jeder, der schon mal die Treffen von Ortsvereinen der größeren Parteien besucht hat, weiß das. Aus meiner Sicht brauchen wir eine starke Basis. Entwicklung geht nicht von kleinen Netzwerken oder von Facebook-Gruppen aus. Aus meiner Sicht brauchen die großen Parteien wieder mehr Zufluss. Starke Volksparteien machen ein starkes Land. Daran glaube ich und bin entsetzt, wie fahrlässig diese Parteien ihre Verantwortung oft nicht wahrnehmen.

Meine Frau ist seit Ende September aktiv bei Instagram. Sie hat heute 586 Abonnenten. Die SPD hat bei Instagram 2446, die CDU 3673, die Grünen 7694 und die FDP 3607 Abonnenten. Volksparteien sind hier kaum sichtbar und die AfD hat 2768 Folgende – mehr als die SPD.

Wirklichkeit und Realität

Was die Parteien zeigen ist stets ähnlich und sieht in etwa so aus

1 2 3 4 5

Bilder, die sympathisch wirken, mit der Realität vieler Menschen aber wenig zu tun haben. Oder Bilder, die lediglich dupliziert sind und die man so auch auf anderen sozialen Medien findet, oder auf Plakatwänden. Warum sollte ich also „Fan“ einer Partei werden?

Darüber hinaus zeigt die schöne Social Media Welt das, was alle glauben: Politiker treiben sich ständig auf Empfängen- und innerparteilichen Veranstaltungen rum. Nähe und Kontakt zum Wähler, vor demjenigen der vor dem Bildschirm sitzt, findet sich kaum. Die Wirklichkeit des politischen Alltags fangen die Bilder ein, die Realität vieler Wähler nicht.

Die Welt teilt sich auf

Das Problem: die Kommunikation findet nicht nicht statt, sondern an den Parteien vorbei. Es gibt zahlreiche Facebook-Gruppen mit mehreren zehntausend Mitgliedern, die nicht von den Parteien orchestriert werden. Das ist gut, denn hier sammelt sich die interessierte Basis in zeitgemäßen Rahmen. Parteien können solche Gruppen nicht übernehmen, aber präsent sein, das ist möglich. Franz-Josef Strauß konnte jedes Bierzelt beherrschen.

Politiker von heute müssen die Stammtische der neuen Zeit besuchen. Und das sind Gruppen und Foren.

Die Welt ist aber nicht nur online. Sie ist vor allem offline. Und hier machen viele Politiker einen guten Job, jedenfalls insofern, dass sie hart arbeiten und von Termin zu Termin laufen.

Das ist es was die Menschen sehen wollen: den echten Alltag eines Politikers, ihres Politikers und nicht die gestellten „Blick-hinter-die Kulissen“-Bilder die so oft serviert werden. Die viel beschworene Authentizität fängt da an, wo man sich traut ein bisschen Kontrolle abzugeben.

Wenn in diesen Tagen wieder die Award-Saison beginnt und zahllose Preise für Kommunikation, auch in der Politik, vergeben werden, dann dient das vor allem zwei Dingen: den Agenturen und dem Selbstzweck. So schlecht kann ja alles nicht sein, immerhin haben wir dafür ja einen Preis bekommen.

Social Media ist kein Selbstzweck

Was ankommt ist aber oftmals das, was die Parteien vermeiden wollen und  müssen: „die da oben, die verstehen uns nicht.“ Und diesen Eindruck kann man bekommen

6

Oder?

Dabeisein ist nicht alles. Im Gegenteil. Die sozialen Medien sind bereits Teenager, keine kleinen Kinder mehr. Social Media ist seit mehr als 10 Jahren in Deutschland Alltag. Daraus erwächst gerade eine Erwartungshaltung gegenüber großen Unternehmen (die von Kunden leben) und politischen Parteien (die vom Wähler leben). Diese Erwartungshaltung sollten beide erfüllen.

Ja, wir können etwas von Donald Trump lernen

Nein, nicht inhaltlich, nicht thematisch. Aber strategisch. Der neue Präsident der USA hat seinen Wahlkampf fast komplett über die sozialen Medien gesteuert. Auch, weil ihm die klassischen Medien nicht den Raum eingeräumt haben, den er für seine Nachrichten gebraucht hätte. Auch nach seinem Sieg nutzt er Social Media um seine Pläne nach der Vereidigung zu verbreiten.

Was auch deutsche Politiker vom Trump´schen Wahlkampf lernen können ist Präsenz. Tag und Nacht war der Kandidat auf seinen Kanälen vertreten. Er war sichtbar und spürbar. An vielen Stellen hat er unmittelbar gehandelt, Dinge rasch antizipiert und sich so eine Deutungshoheit geschaffen.

Das kann ein Ziel sein, während man Trump trotzdem weiterhin nicht gut findet.

Was sollten Parteien  nun tun?

Was sollten die Parteien nun also tun. Wie können sie sich der Wirklichkeit der Wähler annähern. Wie können sie dem Populismus entgegentreten und die immer stärker werdende AfD nicht noch stärker werden lassen?

Die Antwort ist einfach: Durch weniger Angst vor Populismus, auf der einen Seite, und weniger Angst vor Intellektualität auf der anderen.

Die großen Idole der großen Parteien, also Adenauer, Brandt, Schmidt, Wehner oder Fischer, standen für klare Worte, für klare Aussagen und dafür sich in den Sturm zu stellen.

Praktizieren was man predigt

Viele Politiker von heute stehen für Unverfänglichkeit die sie mit Authentizität verwechseln. In einer Zeit, in der alles durchsichtig wird, in der Neuigkeiten nicht nur die Runde machen, sondern sofort millionenfach diskutiert und bewertet werden, in einer solchen Zeit braucht es klare Aussagen. Und es braucht Beteiligung. Beteiligung von Politikern dort, wo die Wähler sind. Das sind zunehmend nicht mehr die Marktplätze und Einkaufsstraßen, sondern Facebook-Gruppen und andere digitale Orte. Dort können Politiker begeistern und politische Aktivitäten auch wieder offline reaktivieren.

Die Parteien müssen die Komfortzonen der eigenen Auftritte verlassen und dorthin gehen wo die Basis sich austauscht. Das ist nicht glamourös und nicht schön. Aber wichtig, notwendig und richtig.

Wir müssen raus ins Leben, dahin, wo es laut ist, dahin, wo es brodelt, dahin, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt. Wir müssen dahin, wo es anstrengend ist, liebe Genossinnen und Genossen, weil nur da das Leben ist! (Siegmar Gabriel)

Das ist richtig, nur muss es auch getan werden.

Zuhören

Parteien müssen zuhören. Und durch die Onlinekommunikation sind die Chancen dazu besser den je. Andere Generationen von Politikern hätten von solchen Möglichkeiten geträumt. Und was machen Parteien und Politiker? Sie pflegen Profile auf vielen Plattformen und betreiben dort eine Kommunikation wie zu Zeiten des „Web 1.0“. Nur ganz selten werden Kommentare von Usern aufgegriffen oder erneut kommentiert. Viele Parteien-Profile folgen selber kaum zurück. Eine Überheblichkeit die Kritiker bestätigt. Geht raus und führt einen Dialog. Unternehmen mussten das lernen und lernen es noch immer, jetzt muss die Politik nachziehen!

Investieren

Die Welt ist voll von Menschen die Lust auf Social Media und moderne Kommunikation haben. Gute Kommunikation geht nicht von Agenturen aus, gute Kommunikation gehört in die Hände von Profis, die Accounts und Personen individuell betreuen können. Und die sich mit der jeweiligen Partei identifizieren. Verabschiedet Euch von der Me-too Mentalität. Politik darf Pionier sein!

Ich wünsche mir, dass unsere Volksparteien wieder zur Basis finden, ohne dem Gespenst des Basisdemokratie zu sehr hinterher zu laufen. Politik braucht auch Rückzugsräume, in denen Entscheidungen getroffen werden können. Dafür wählen wir sie. Damit aber wieder mehr Menschen Lust am Wählen haben, müssen die Politiker liefern.

Social Media und Politik – konkrete Schritte

Kanal Konsolidierung

Welcher Kanal, welche Plattformen soll welchen Nutzen transportieren? Wie passt sie, als Baustein in die Gesamtstrategie der Partei? Diese Fragen sollten sich Parteien stellen, beantworten und danach ihre Kommunikationskanäle wählen. Mehr ist weniger. Lieber ein sehr guter Kanal als viele gut gemeinte.

Guidelines für Personenauftritte

Die Plattformen der Onlinekommunikation sind voll mit Profilen von Lokal-, Landes- und Bundespolitikern. Viele scharren nicht mehr als ein paar Handvoll Follower um sich. Die Parteien sollten klare Richtlinien für den erfolgreichen Social Media Auftritt ihrer Kandidaten und Repräsentanten herausgeben, sie damit unterstützen und aufzeigen, wie man guten Content erstellt und ihn verbreitet.

Nicht zu kleinteilig wirken

Die Stadt Düsseldorf hat 24 SPD-Ortsvereine. Das ist gut, denn überall gibt es Ansprechpartner die sich um die unmittelbaren Anliegen der Menschen vor Ort kümmern können. Jeder dieser Ortsvereine betreibt eine eigene Homepage und den ein oder anderen Social Media Auftritt. Jetzt kommt das Aber: Die Menschen sind heute mobiler denn je. Man stammt aus A, wohnt in B und arbeitet in C. Das müssen die Parteien aufnehmen und verwerten. Besser ein gelungener Auftritt, für alle Ortsvereine einer Stadt, als viele die niemanden interessieren. Eine Herausforderung!

Ausbildung für Social Media Manager

Niemand erwartet von einem Laien, dass er oder sie eine Pressemitteilung aus dem Ärmel schüttelt. Niemand vertraut seine Buchhaltung einem absoluten Anfänger an. Aber Onlinekommunikation kann jeder.

Parteien müssen anfangen ihre Mitglieder an der Basis in professioneller Social Media Gestaltung und Onlinekommunikation auszubilden. Ortsvereine und Unterbezirke sind voll von motivierten Leuten. Sie können es nur nicht (können).

Diskussions-Squad für Foren und Gruppen

In Foren und Gruppen wird quasi rund um die Uhr über Politik diskutiert. Manchmal parteiübergreifend, oft in Gruppen, die sich um eine einzelne Partei drehen. Hier können Parteien ansetzen und kommunikativ, sowie inhaltlich gut ausgebildete Leute mitreden lassen. Nicht anonym, sondern offen und erkennbar. Wirkung: „die da oben“ hören uns zu und nehmen uns ernst. Außerdem: die Parteien haben ein Ohr an der Basis und erfahren Dinge rasch und ungefiltert.

Content-Lieferanten

Wir haben ein Problem. Es gibt nicht zu wenig, sondern zu viel Inhalte die verbreitet werden möchten. Die Problematik liegt vielmehr darin die zahllosen Inhalte zu sortieren und zu kanalisieren. Aber: besser zu viel, aus dem die Parteien auswählen können, als zu wenig. Auch große, dezentral organisierte Unternehmen haben diese Probleme. Überall passiert etwas, die Zentrale, dort wo die Kommunikation sitzt, erfährt davon nichts.

Technisch ist es kein Problem eine Plattform einzurichten, auf die Content hochgeladen werden kann. Das sollten Parteien nutzen und Mitgliedern zugänglich machen. Aus den eingereichten Inhalten kann das Social Media Management dann etwas Großartiges zusammenstellen.

Es ist nicht schwer, es muss aber gemacht werden.

Nun könnte man mir vorwerfen: warum schreibst Du darüber und machst nicht selber was. Das tue ich bereits!

 

 

 

Hier können Sie mir auch folgen:
Follow by Email
Facebook
Facebook
Instagram
SOCIALICON

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.