Die NRWahl – Nicht das Wir entscheidet

NRW hat gestern gewählt. Das Ergebnis ist, zumindest für die SPD, niederschmetternd. Aber auch für die Piraten, die Grünen – und die AfD hatte sich sicher auch mal mehr ausgerechnet.

CDU und FDP dürfen jubeln und ich möchte mich mit der Frage beschäftigen, welche Rolle die politischen Kampagnen gespielt haben.

Keine!

Denn die Wähler bekamen im gesamten Wahlkampf kaum etwas zu sehen, das sich mit einer politischen Kampagne verwechseln ließe.

Der Wahlkampf war von dem geprägt, was guten Gewissens als Werbung bezeichnen werden darf. Plakate mit großen Gesichtern und klaffenden Claims. Die SPD entschied sich für ein allgegegenwärtiges Hashtag (#) mit dem folgenden Wortspiel NRWir. Hier stellt sich sofort die Frage nach Henne und Ei. Was war zuerst da, die Wille zum Wortspiel generell oder die Idee ein Wir-Gefühl vermitteln zu wollen. Bei mir wollte sich dieses Gefühl zu keinem Moment einstellen. Ich habe nicht verstanden was gemeint war. Die alleinige Tatsache in einem gemeinsamen Bundesland zu wohnen schafft, zumindest bei mir, keine Gefühl der Zusammengehörigkeit. Dazu braucht es mehr. Vor allem Menschen, mit denen ich dieses Gefühl assoziieren kann.

Die Sache mit dem #

Werbend warben die Kraft´sche Plakat also für das #NRWir und vergaß dabei, dass sie mit dem Hashtag gleich zwei Zielgruppen vor den Kopf stieß:

  1. Die online-affine Zielgruppe, die weiß, dass Hashtags einen technischen Nutzen erfüllen. Sie aggregieren Inhalte und machen alles auffindbar was unter einem bestimmten Hashtag geteilt wurde. Diese Zielgruppe weiß auch, dass Hashtags etwas Anarchisches haben. Hashtags entstehen aus der Community, sie sind Reaktionen auf Themen. Viele Marken haben sich bereits die Zähne daran ausgebissen einen Hashtag zu etablieren. Funktioniert selten, nutzt nie. Die SPD hat es erneut beweisen.
  2. Die offline-affine Zielgruppe, die schlicht nicht versteht, was dieses Zeichen vor dem Wortspiel soll.

Hier zeigt sich, dass klar in Kampagne gedacht wurde. Wie können wir bunt sein, einen Wiedererkennungswert schaffen? Wie wirken wir zeitgemäß und pushen unsere Ideen in den Markt? Politiker sind doch letztlich auch nur Marken. Nein, sind sie nicht…

Bildergebnis für wahlplakat kraft 2017

Lindner ist da konsequenter

Der FDP-Chef war dabei noch konsequenter. Konsequent im Sinne von: gut! Er stellte sich, wahrscheinlich auch mangels Alternativen, mit dem Gesicht und zitierten Aussagen vorne an. Die Optik dabei entsprach modernen Kampagnen, wie man sie auch für Produkte des täglichen Bedarfs findet: klar, sauber, aufgeräumt und emotional.  So wie man es gerade halt macht. Das schaffte Vertrauen zu einer sich jung gebenden Partei, die wenig zu verlieren hat. Ob es einen solchen Wahlkampf auch aus einer starken Position heraus gegeben hätte?

Wahlplakat der FDP mit Christian Lindner

1,2, die Grünen

Die Grünen versuchten auf Personen und Themen zu setzen – gleichzeitig –  und positionierte unter 1. den Namen des jeweiligen Wahlkreiskandidaten auf die Plakate. Darunter fand sich, unter 2. dann eine politische Aussage. Gut gedacht, wirkt aber belehrend und beantwortet die Fragen nach dem wie gar nicht.

Wahlbanner

Überhaupt: Wahlkampf

Die Frage die sich alle Parteien stellen mussten ist aber Folgende: Ist ein Wahlkampf, wie er geführt wurde, noch zeitgemäß? Sechs Wochen vor der Wahl kriechen die Parteien aus ihren Zentralen und bevölkern Bäume, Laternenmasten und Innenstädte – political pollution! Mit großem Tschingderassabum werden Give-aways verteilt und Stände aufgebaut, Facebook gefüllt und Instagram getaggt.

Danach: wird alles wieder eingerollt und muss bis zum nächsten Einsatz warten.

Im Zeitalter der Dauerkommunikation ist ein solcher Einsatz nicht mehr zeitgemäß. Heute haben Politiker die Möglichkeit auch zwischen zwei Wahlen, ohne Aufwand an ihre Wähler heranzutreten. Aber kaum einer macht das… Kommunikation wird als Mittel zum Zweck betrieben. Nicht, um tatsächlich das Ohr am Volk zu haben. Nicht, um wirklich ins Gespräch zu kommen.

Die Realität wird auf dem Altar der schönen Bilder und knackigen Aussagen geopfert. Marken wurden dafür schon immer abgestraft! Insofern haben Politiker, Parteien und Marken durch gewisse Schnittstellen.

Was gilt es aus der NRW Wahl zu lernen?

Aus parteiübergreifenden Radiointerviews schallt mir heute entgegen: „Jetzt beginnt der Wahlkampf!“

Für den Wähler (in NRW, Kiel und dem Saarland) bedeutet das: nun werden neue Plakate aufgehängt und die Leute von gestern werben statt für einen Landes- für einen Bundestagkandidaten. Was es aber stattdessen braucht sind neue Formate der On-und Offlineansprache und die Förderung einer neuen politischen Kultur.

Die Parteien müssen sich überlegen, wie Politik wieder da ankommen kann, wo sie hingehört: bei denen die nicht für ein Amt kandidieren. Dazu gehören eigene parteiindividuelle Themen und Aussagen, die zulassen, dass ein Wir entstehen kann. Denn ein Wir braucht eine Abgrenzung gegen Die. Sonst entsteht ein Brei in den zwar jeder seine Gedanken und Wünsche interpretieren kann, der letztendlich aber immer zur Enttäuschung führen wird.

Die Parteien müssen verstehen, dass sie nur Vertreter der Demokratie sind und nicht die Demokratie selber. Aus dieser Demut kann dann das entstehen was gebracht wird: echtes Interesse für Demokratie und kein Hinterherhecheln nach Stimmungsbildern. Auf Seiten der Wähler und auf der der zu Wählenden!

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