Mehr WG-Küche als Wirtschaftsbetrieb – Der neue Einzelhandel

Ich bin ein Fan des Einzelhandels. Das wissen alle, die hier schon einmal quer gelesen haben oder mich persönlich kennen.

Vielmehr habe ich vor langer Zeit sogar einmal Einzelhandelskaufmann gelernt und beobachte seine Entwicklung seither genau. Vieles ist in den letzten Jahren schief gelaufen im Einzelhandel.

  1. Das Internet und seine Möglichkeiten wurden weg gelacht. „Die Leute werden doch nicht im Internet xyz kaufen wollen. Ich und mein Geschäft betrifft das nicht.“ Doch!
  2. Dem zurückgehenden Umsatz/Gewinn wurde mit immer schlechteren Löhnen begegnet.
  3. Wer geht also los und wird Einzelhandelskaufmann-/kauffrau? Nicht die intellektuelle Speerspitze eines jeweiligen Jahrgangs.
  4. Dieser Effekt verschärft sich durch die Tatsache, dass die Ladenöffnungszeiten immer weiter ausgedehnt wurden. Kunden können jetzt oftmals auch nach 22 Uhr shoppen. Machen sie meistens nicht. Aber immerhin: das Angebot steht. Da lässt sich der Einzelhandel nichts nachsagen.
  5. Viele Fachmärkte beschränken sich auf Aushilfen. Fachberater findet man so selten wie gutes Essen bei McDDonalds.

Fallen Euch noch zusätzliche Punkte ein?

Eine neue Generation macht sich auf den Einzelhandel zu retten

Aber, es gibt auch gute Neuigkeiten. In den letzten Jahren entdecken immer mehr Menschen einer jüngeren Generation den Handel mit schönen Dingen für sich. Plötzlich gibt es in den B- und C-Lagen der Innenstädte wieder Geschäfte die, inhabergeführt, Kunden ansprechen.

Sie gestalten, oft aus finanziellen Mängeln, ihre Läden in einem neuen Stil in dem nicht der professionelle Ladenbau dominiert, sondern das liebevolle Zusammensetzen zusammengeklaubter Einzelteile. Sie füllen alte, abgeflämmte Weinkisten mit allerlei schönen Dingen. Sie kennen Singer- und Songwriter, die schon 12% des Wegs zum Erfolg zurückgelegt haben und lassen sie in ihrem Laden auftreten.

In diesen Läden fühlt man sich wohl. Denn man kommt, gefühlt, zurück in die Küche seiner Studenten WG. Man hat dort eine gute Zeit, wird nicht zum Kauf und Konsum gedrängt und kann den Laden auch zum zwanzigsten Mal betreten ohne anschließend etwas zu kaufen und dabei ein schlechtes Gefühl zu bekommen.

Diese transformierten WG Küchen werfen dann genau soviel ab, dass die Miete bezahlt werden kann. Sobald sich die Lebenssituation des Inhabers ändert, etwa durch Kinder oder keinen Bock mehr auf Armut, verschwindet der Laden wieder.

Schade! Denn oft haben diese neuen Einzelhandelsläden tolle Idee und Konzepte, steht hinter ihnen eine motivierte Frau oder ein motivierter Mann. Auch Selbstverwirklichung spielt eine große Rolle. Ausbrechen wollen. Was eigenes machen. Oft bleibt es ein Ausflug.

Schade! Denn unsere Innenstädte brauchen genau das: Farbe und Diversität, bei all den Städten die Abziehbildern gleichen.

Schade! Denn auch die alt eingesessenen Händler brauchen die Farbe und die Ideen des neuen Einzelhandels. Sie können von den neuen Kollegen lernen, erfahren was gefragt ist und sich Kompetenzen in den neuen Wegen der Kommunikation an- und abgucken.

Gut, dass es so ist wie es ist. Denn ich glaube, dass aus diesem neuen Einzelhandel etwas entstehen wird, dass unsere Innenstädte wieder aufwertet und zu Orten der Begegnung macht.

Schade nur, dass bis dahin noch zahllose WG Küchen eröffnen und wieder schließen müssen. Aber Entwicklung braucht Zeit und Verläuft stets über eine Lernkurve.

 

Warum Schnittstellen die Kommunikation töten und was Bauen damit zu tun hat

Wer zum ersten Mal ein Haus baut ist oft überrascht, dass dazu, wie im Wimmelbuch dargestellt, nicht nur Architekt und Bauarbeiter gehören. Um ein Gebäude entstehen zu lassen braucht es eine Vielzahl von Spezialisten die ihre jeweiligen Gewerke (so nennt man geschlossene Leistungsbereiche des Bauens, also Trockenbau, Fliesenleger, etc.) verantworten. Dazu kommen dann die Architekten, Innenarchitekten und TGAler. Letztere sind diejenigen, die sich um die Haustechnik kümmern.

Am Ende stehen oft verdutzte Bauherren, die sich wundern, das alles teurer wird und länger dauert. Im Großen wie auch im Kleinen! Egal ob Einfamilienhaus oder Flughafen. Stresslos geht es selten.

Warum ist das so?

Die Fehler liegen dabei nicht bei den einzelnen handelnden Personen. Die verstehen ihre jeweilige Aufgabe oft sehr gut und sind Profis auf ihrem Gebiet. Und genau da liegt das Problem: Profis auf ihrem Gebiet… die restlichen Dinge interessieren einfach nicht. „Ich soll hier verputzen…“ Also wird verputzt. Koste es was es wolle. Was fehlt ist häufig die übergeordnete Instanz, der Dirigent, der das Orchester zum harmonischen Gleichklang bringt.

Professionelle Kommunikation ist wie Bauen

In der Kommunikation von Unternehmen, Verbänden, Firmen und Parteien finden sich die selben Strukturen wieder, die auch auf einer beliebigen Baustelle zu finden sind. Viele Ideen, viele Ansprüche, viele Profis. Und alle werkeln für sich allein. Zum einen, weil ihre Abteilungen individuell beurteilt werden. Am Ende steht jeder für sich allein. Zum anderen, weil die Kosten, um die Abteilungsgrenzen zu überwinden, schlicht nicht bezahlt werden. Genau aus diesem Grund stimmen sich Maurer und Fliesenleger auch nicht ab: es wird nicht vergütet, sollen sich doch andere drum kümmern.

Dieses Denken und Handeln führt nicht nur zu unnötiger Konkurrenz, sondern verursacht Kosten an den Schnittstellen, die man problemlos vermeiden könnte.

Warum ist ein neuer Denkansatz nötig?

Das abgegrenzte System hat lange funktioniert. Ganz einfach aus der Tatsache heraus, dass Medien und Menschen nicht wirklich vernetzt waren. Vielleicht war es sogar sinnvoll die „Gewerke“ der Kommunikation voneinander zu trennen, um Probleme bei der Absprache zu verhindern.

Heute ist das kein Argument mehr. Die Vernetzung ist da. Ideen, Daten und Fakten können für jedermann einsehbar abgelegt werden. Man muss es nur wollen und bereit sein eigene Pfründe, im Sinne der gemeinsamen Sache, einzugrenzen. Das ist schwer, aber existenziell.

Existenziell, weil sich die Erwartungshaltung von Kunden (intern wie extern) verschiebt: Vernetzung und Absprachen sind heute simpel möglich und werden daher auch erwartet. Wir machen heute vielfach die Beobahtung, dass die Kommunikation im privaten Bereich – über WhatsApp, Trello und Co. – versierter läuft, als wir das dann bei Dienstleistern oder im eigenen Unternehmen erleben.

Konkret: Die Gewerke müssen sich vernetzen und sogar hinterfragen, ob eine strikte Trennung noch zeitgemäß ist. Am Bau ist der Maurer nicht durch den Zimmermann zu ersetzen. In der Kommunikation müssen wir uns aber fragen wie sinnvoll es ist die externe Kommunikation in einer anderen Abteilung zu betreiben als Social Media und das wiederum von „Media“ abzugrenzen.

Meine Antwort: gar nicht!

Nachtrag:
Die Diskusion zum Beitrag bei Facebook könnt Ihr hier verfolgen und natürlich auch gerne daran teilhaben:

Die NRWahl – Nicht das Wir entscheidet

NRW hat gestern gewählt. Das Ergebnis ist, zumindest für die SPD, niederschmetternd. Aber auch für die Piraten, die Grünen – und die AfD hatte sich sicher auch mal mehr ausgerechnet.

CDU und FDP dürfen jubeln und ich möchte mich mit der Frage beschäftigen, welche Rolle die politischen Kampagnen gespielt haben.

Keine!

Denn die Wähler bekamen im gesamten Wahlkampf kaum etwas zu sehen, das sich mit einer politischen Kampagne verwechseln ließe.

Der Wahlkampf war von dem geprägt, was guten Gewissens als Werbung bezeichnen werden darf. Plakate mit großen Gesichtern und klaffenden Claims. Die SPD entschied sich für ein allgegegenwärtiges Hashtag (#) mit dem folgenden Wortspiel NRWir. Hier stellt sich sofort die Frage nach Henne und Ei. Was war zuerst da, die Wille zum Wortspiel generell oder die Idee ein Wir-Gefühl vermitteln zu wollen. Bei mir wollte sich dieses Gefühl zu keinem Moment einstellen. Ich habe nicht verstanden was gemeint war. Die alleinige Tatsache in einem gemeinsamen Bundesland zu wohnen schafft, zumindest bei mir, keine Gefühl der Zusammengehörigkeit. Dazu braucht es mehr. Vor allem Menschen, mit denen ich dieses Gefühl assoziieren kann.

Die Sache mit dem #

Werbend warben die Kraft´sche Plakat also für das #NRWir und vergaß dabei, dass sie mit dem Hashtag gleich zwei Zielgruppen vor den Kopf stieß:

  1. Die online-affine Zielgruppe, die weiß, dass Hashtags einen technischen Nutzen erfüllen. Sie aggregieren Inhalte und machen alles auffindbar was unter einem bestimmten Hashtag geteilt wurde. Diese Zielgruppe weiß auch, dass Hashtags etwas Anarchisches haben. Hashtags entstehen aus der Community, sie sind Reaktionen auf Themen. Viele Marken haben sich bereits die Zähne daran ausgebissen einen Hashtag zu etablieren. Funktioniert selten, nutzt nie. Die SPD hat es erneut beweisen.
  2. Die offline-affine Zielgruppe, die schlicht nicht versteht, was dieses Zeichen vor dem Wortspiel soll.

Hier zeigt sich, dass klar in Kampagne gedacht wurde. Wie können wir bunt sein, einen Wiedererkennungswert schaffen? Wie wirken wir zeitgemäß und pushen unsere Ideen in den Markt? Politiker sind doch letztlich auch nur Marken. Nein, sind sie nicht…

Bildergebnis für wahlplakat kraft 2017

Lindner ist da konsequenter

Der FDP-Chef war dabei noch konsequenter. Konsequent im Sinne von: gut! Er stellte sich, wahrscheinlich auch mangels Alternativen, mit dem Gesicht und zitierten Aussagen vorne an. Die Optik dabei entsprach modernen Kampagnen, wie man sie auch für Produkte des täglichen Bedarfs findet: klar, sauber, aufgeräumt und emotional.  So wie man es gerade halt macht. Das schaffte Vertrauen zu einer sich jung gebenden Partei, die wenig zu verlieren hat. Ob es einen solchen Wahlkampf auch aus einer starken Position heraus gegeben hätte?

Wahlplakat der FDP mit Christian Lindner

1,2, die Grünen

Die Grünen versuchten auf Personen und Themen zu setzen – gleichzeitig –  und positionierte unter 1. den Namen des jeweiligen Wahlkreiskandidaten auf die Plakate. Darunter fand sich, unter 2. dann eine politische Aussage. Gut gedacht, wirkt aber belehrend und beantwortet die Fragen nach dem wie gar nicht.

Wahlbanner

Überhaupt: Wahlkampf

Die Frage die sich alle Parteien stellen mussten ist aber Folgende: Ist ein Wahlkampf, wie er geführt wurde, noch zeitgemäß? Sechs Wochen vor der Wahl kriechen die Parteien aus ihren Zentralen und bevölkern Bäume, Laternenmasten und Innenstädte – political pollution! Mit großem Tschingderassabum werden Give-aways verteilt und Stände aufgebaut, Facebook gefüllt und Instagram getaggt.

Danach: wird alles wieder eingerollt und muss bis zum nächsten Einsatz warten.

Im Zeitalter der Dauerkommunikation ist ein solcher Einsatz nicht mehr zeitgemäß. Heute haben Politiker die Möglichkeit auch zwischen zwei Wahlen, ohne Aufwand an ihre Wähler heranzutreten. Aber kaum einer macht das… Kommunikation wird als Mittel zum Zweck betrieben. Nicht, um tatsächlich das Ohr am Volk zu haben. Nicht, um wirklich ins Gespräch zu kommen.

Die Realität wird auf dem Altar der schönen Bilder und knackigen Aussagen geopfert. Marken wurden dafür schon immer abgestraft! Insofern haben Politiker, Parteien und Marken durch gewisse Schnittstellen.

Was gilt es aus der NRW Wahl zu lernen?

Aus parteiübergreifenden Radiointerviews schallt mir heute entgegen: „Jetzt beginnt der Wahlkampf!“

Für den Wähler (in NRW, Kiel und dem Saarland) bedeutet das: nun werden neue Plakate aufgehängt und die Leute von gestern werben statt für einen Landes- für einen Bundestagkandidaten. Was es aber stattdessen braucht sind neue Formate der On-und Offlineansprache und die Förderung einer neuen politischen Kultur.

Die Parteien müssen sich überlegen, wie Politik wieder da ankommen kann, wo sie hingehört: bei denen die nicht für ein Amt kandidieren. Dazu gehören eigene parteiindividuelle Themen und Aussagen, die zulassen, dass ein Wir entstehen kann. Denn ein Wir braucht eine Abgrenzung gegen Die. Sonst entsteht ein Brei in den zwar jeder seine Gedanken und Wünsche interpretieren kann, der letztendlich aber immer zur Enttäuschung führen wird.

Die Parteien müssen verstehen, dass sie nur Vertreter der Demokratie sind und nicht die Demokratie selber. Aus dieser Demut kann dann das entstehen was gebracht wird: echtes Interesse für Demokratie und kein Hinterherhecheln nach Stimmungsbildern. Auf Seiten der Wähler und auf der der zu Wählenden!

Chef-Kommunikation. Warum „oben“ sein seine Tücken hat

Seit mehreren Tagen füllen Ursula von der Leyen und ihre Aussage, dass die Bundeswehr ein Haltungsproblem habe die Medien. Weiter spricht die Bundesministerin der Verteidigung von Führungsschwäche und falsch verstandenem Korpsgeist.

Ob das stimmt oder nicht soll an dieser Stelle nicht kommentiert werden. Auch, weil ich es nicht beurteilen kann.

Neben der inhaltlichen Bewertung und Deutung ist es spannend sich anzuschauen in welcher kommunikativen Lage sich von der Leyen befindet. Durch ihren Posten ist sie so etwas wie die Oberbefehlshaberin der Bundeswehr. Sie hat den höchsten Rang, ist der Chef. Gleichzeitig ist Sie als Ministerin auch Mitglied einer Partei, einer Fraktion, eines Regierung und den Wählern Rechenschaft schuldig.

Nicht ganz einfach

Die Rolle als Chefin bringt die Verteidigungsministerin in eine Zwickmühle, die schwer zu lösen ist. Als Boss der Bundeswehr ist sie die letzte Instanz, das letzte Glied in der Befehlskette. Somit erwarten die Öffentlichkeit und die Mitglieder ihrer Truppe ein letztendliches Wort über die Ausrichtung und die Hintergründe der Geschichte. Von der Chefin wird erwartet, dass sie ihren Laden in Schuss hält und an den Stellen interveniert, an denen es etwas zu tun gibt. Kein anderer Minister ist gleichzeitig auch Arbeitgeber einer ganzen Berufsgruppe – außerhalb seines oder ihres Ministeriums.

Das führt dazu, dass von von der Leyen erwartet wird, dass sie, ähnlich einem Chef in der freien Wirtschaft, sich vor ihre Mitarbeiter stellt und sich für sie ausspricht. Die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr erwarten eine Fürsprecherin die ihre Anliegen vertritt.

Ein Problem

Einerseits ist die Ministerin der Öffentlichkeit Rechenschaft schuldig und muss dafür sorgen, dass die Truppe entsprechend der Erwartungen unserer Zeit entwickelt wird. Andererseits ist sie Chefin die auf das Vertrauen Ihrer „Mitarbeiter“, der Soldaten angewiesen ist. Verliert sie das Vertrauen einer dieser beiden Parteien, dann verliert sie ihren Job.

Eine Herausforderung die auch viele Führungskräfte in der Wirtschaft kennen. Sie müssen ihr Unternehmen entwickeln, in die Gewinnzone lenken oder halten und gleichzeitig das Vertrauen und die Fürsprache ihrer Mitarbeiter behalten. Das schließt zu viel Offenheit aus. Die Einbindung in gegebenen Strukturen führt zwangsläufig zu einem Abflauen der eigenen Meinungsfreiheit. Gut, denn das „Vor-den-Kopf-stoßen“ wird dadurch wesentlich minimiert und gestaltet den Alltag stressfreier. Schlecht, denn Dinge die bekannt sind und gesagt werden müssten werden nicht gesagt.

Die Lösung

Von der Leyen muss sich nun entscheiden. Will sie die Bundeswehr grundlegend umkrempeln und offensichtliche Missstände aufdecken – so wie es die Öffentlichkeit verlangt. Oder entscheidet sie sich für den Weg, sich vor ihre Truppe zu stellen und das Thema langsam aus der Öffentlichkeit zu verabschieden.

Sie kann das Ganze auch aussitzen. Dann ist aber langfristig niemandem geholfen.

Es ist also nicht nur das mittlere Management das häufig in einer Sandwich-Position gefangen ist. Auch die „Oberste Heeresleitung“ hat schnell ein Problem, wenn es darum geht nach außen zu strahlen, ohne im Inneren dauerhaft Unruhe aufkommen zu lassen.

Daher müssen Führungskräfte vor allem eines sein: Kommunikationsknotenpunkte. Sie müssen Vertrauen sähen und dafür sorgen stets informiert zu sein. Sie müssen Themen ansprechen, wenn sie wichtig sind und antizipieren wie sich Sachverhalte entwickeln. Somit können sie vermeiden auf die eigenen Leute zeigen zu müssen wenn es mal schief geht. Denn schwarze Schafe gibt es immer. Ein Problem entsteht erst, wenn die Struktur die schwarzen Schafte erst möglich macht.

 

Warum wir Kommunikation über- und unterschätzen

Ich muss das dann noch kommunizieren…

Bei der Nutzung dieses Wortes kommunizieren, anstatt die Worte sagenbesprechen oder klar machen zu nutzen, stehen meine Nackenhaare immer ein Stückchen hoch. Die Inflation der Kommunikation ist überall spürbar. Jeder möchte professionell kommunizieren, denn irgendwie haben viele verstanden, dass das wohl nicht so ganz unwichtig ist.

Es ist spannend zu beobachten, für wie wichtig das Thema erachtet wird. Erfolg hängt an erfolgreicher Kommunikation.

Was aber geschieht ist das genaue Gegenteil. Indem wir über Kommunikation reden, vergessen wir Kommunikation zu machen. Das ist schade, unnötig und kostet Geld.

Überschätze Kommunikation

Tagesaktuell sorgt diese Mail für Furore, die Adidas an die Teilnehmer des Boston Marathon geschickt hat:

Ja, das ist dumm, unnötig, unsensibel und hätte vor Social Media niemanden interessiert. Adidas´Umsatz wird dadurch höchst wahrscheinlich kaum tangiert werden.

Der Fall ist aber ein Beispiel für die übersteigerte Sensibilität gegenüber den Äußerungen großer Unternehmen und Marken. Die Wirkung der Kommunikation mit werbendem Charakter wird überschätzt. Auch, weil sich nach solchen Fällen stets eine kleine Schar von Menschen sehr laut und sehr aufgeregt äußert und dadurch vieles größer erscheinen lässt als es ist.

Natürlich ist Reputation eine wichtige Sache die den Marken- und Börsenwert langfristig beeinflusst. Aber den oben skizzierten Fehltritt mit einem echten Desaster in einen Topf zu werfen ist schlicht falsch.

Überschätzte Kommunikation finden wir zur Zeit auch an zahlreichen Bäumen und Straßenlaternen.

Wie hier in meiner Arbeitsheimat, wo gerade der Bürgermeisterwahlkampf tobt, ist auch das Bundesland Nordrhein-Westfalen ob der drohenden Landtagswahl mit Plakaten vollgestopft. Plakate, die viel Geld kosten, viel Müll produzieren und deren kommunikative Wirkung hoffnungslos überschätzt wird.
Diese Form der Kommunikation stammt aus einer Zeit, als Litfaßsäule und Plakatwände tatsächlich noch die einzige Möglichkeit darstellten sich der breiten Masse zu präsentieren. Ab 1920 wurde diese Möglichkeit der Präsentation massiv genutzt. Knapp 100 Jahre später hat sich daran  kaum etwas geändert. Warum? Alle tun es, da will man nicht nicht dabei sein. Also überbieten sich Parteien und Kandidaten in visueller Umweltverschmutzung.

Kommunikation, zeitgemäße Kommunikation, findet dadurch nicht statt – wenn man zeitgemäß als dialogisch definiert. Noch immer dominieren, neben den Plakaten, Wahlkampfstände wie zu Adenauers Zeiten und der Dialog in den sozialen Medien steckt meist noch nicht mal in den Kinderschuhen.

Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen – Loriot

Unterschätzte Kommunikation

Jenseits der Werbung findet die Kommunikation statt, die ich als unterschätzte Kommunikation bezeichne. Der Dialog, der Austausch der dort stattfindet wo es weh tut. Wo man nicht automatisch bejubelt wird. Unterschätzte Kommunikation ist es auch deshalb, weil sie nicht attraktiv und plakativ ist, nicht sexy.

Für United Airlines hieße das nicht nur Regeln zu ändern, sondern mit dem eignen Unternehmen ins Gespräch zu kommen – unter Einbezug der Öffentlichkeit.

Es geht nicht um nett und freundlich

Gute Kommunikation ist nicht die Kommunikation die besonders wertschätzend oder freundlich ist, sondern diejenige die stattfindet. An vielen Stellen unterschätzen wir die Macht stattfindender Kommunikation und überschätzen das Schweigen, das dann rasch zum Aussitzen wird. Kommunikation stattfinden zu lassen ist der beste Weg nach dorthin wo es weh tut, denn man muss sich miteinander auseinandersetzen.

Häufig leitet uns die Angst, ein Dialog könnte nicht nett und freundlich seindahin ihn gar nicht stattfinden zu lassen.

Man kann zwar nicht nicht kommunizieren, aber einigen wir uns darauf, dass es nicht-Kommunikation gibt. Und die ist meist keine Lösung für irgendetwas.

Diese Erkenntnisse sind nicht neu. Umso betrüblicher ist es, dass wir noch immer über Ihre Umsetzung reden müssen.

Wasch mich, aber mach mich nicht nass…

… gilt auch in der Kommunikation. Da werden Seminare besucht, Bücher gelesen und Podcasts gehört. Umsetzen sollen die gute, die professionelle Kommunikation aber die anderen. Vielfach sind wir sogar überschult und sehen die Basis gelingender Kommunikation gar nicht mehr. Und die ist, ganz einfach: Interesse, Information und Wertschätzung, auch wenn man nicht einer Meinung ist!

Das gilt analog und digital.

 

 

 

 

Warum die nicht-Kommunikation der „Pulse of Europe“-Bewegung hilft

Die großen geschichtlichen Ereignisse wurden oft von unbekannten Gläubigen verwirklicht, die nichts als ihren Glauben besaßen. – Gustave Le Bon

Die Pulse of Europe-Bewegung erfasst zunehmend immer mehr Städte. Sonntags, um 14 Uhr, füllen sich Plätze und versammelt Menschen, die gemeinsam für Europa demonstrieren.

Das ist gut, denn Europa steht schlechter da als jemals zuvor. Die Euphorie ist vorbei, die das Konstrukt verschiedener Länder, Kulturen und Ideen über Jahrzehnte einen konnte. Die Generation, die den Ruf Nie wieder Krieg aus eigenen Kriegserfahrungen nähren konnte, verstummt langsam.

Zurück bleibt eine Generation, für die Europa selbstverständlich ist. Kriegslosigkeit, Grenzenlosigkeit, Einigkeit. Eine Generation, die mehr erwartet, aber nicht genau weiß was. Ich zähle dazu.

Die Verwaltung Europas hat sich darüber hinaus nie mit Ruhm bekleckert, wenn es darum ging die Union so zu bewerben, dass sie attraktiv erscheint. Bürokratismus und Bananen-Normungen sind spürbar, alles andere kaum.

Das ist schade. Und es ist gut, dass nun eine neue Graswurzelbewegung ihre Stimme für Europa erhebt – Pulse of Europe. Die Bewegung ist eine Idee: Menschen treffen sich, Sonntags um 14 Uhr und erheben ihre Stimme für Europa, gegen diejenigen die es kaputtreden wollen.

Dabei sind die einzelnen Veranstaltungen kaum vernetzt, quasi jeder darf reden, es gibt keinen größeren festen Ablauf.

Diese nicht-Vernetzung in einer vernetzten Welt ist positiv. Denn sie lässt zu, dass sich Menschen entsprechend ihres eigenen Umfelds mit einer einheitlichen Idee identifizieren können. Pulse of Europe ist in Brüssel etwas anderes als in Berlin, als in München, als in Witten.

Das ist gut, denn damit löst die Bewegung das Grundproblem Europas – die Zentralisierung. Bei Pulse of Europe kann jeder sein eigenes Europa feiern, seine eigene Idee und bringt sich so in ein Kollektiv ein, das geschlossen für eine Sache einsteht.

Paradoxerweise führt erst die digitale Vernetzung zum Erfolg und zur Ausbreitung der Bewegung. Ohne Facebook und Co. hätte Pulse of Europe nie ein kritische Masse erreichen können.

Was sollten Europapolitiker tun?

Die Bewegung ist ein Segen für immer mehr ratlos erscheinende Europa-Politiker, denn sie zeigt, dass die Europäer Europa wollen – als Inhalt. Die Form allerdings lehnen viele Menschen ab. Andersrum wäre es schlecht, so ist es ein lösbares Problem.

EU-Politiker sollten sich nun aufmachen und der Bewegung beitreten, sie anhören, ohne sie zu okkupieren. Denn was Europa nicht braucht sind ein Europa der Bürokraten und eines der Bürger.

 

Warum die CDU kein Neuland-Einzelfall ist

Vor einigen Tagen geisterte diese Stellenanzeige der CDU durch das Netz:

Darin sucht die Partei, „zum baldmöglichsten Zeitpunkt eine/n Redakteur/in als Wahlkampfunterstützung“, einen Mitarbeiter, um den plötzlich aufkeimenden Wahlkampf bekämpfen zu können.

Das Gesuch wurde mit viel Spott und Häme überzogen. Ich konnte mir selber ein kleines Lachen nicht ganz verkneifen. Zu aktionistisch erschien mir der gefühlte Hilferuf aus dem Inneren des Konrad-Adenauer-Hauses.

Ist es denn zum Lachen?

Bei genauer Betrachtung steht die CDU aber nicht alleine da. Bei keiner der etablierten Parteien erkenne ich zur Zeit ein tatsächliches Konzept in der Onlinekommunikation. Kampagnen, auf die der potenzielle Wähler auch offline treffen kann werden online gespiegelt. Sprich: einfach auch dort reingehämmert. Ansprachen und Reden der Spitzenkandidaten mit einigem Aufwand ins Netz übertragen. Das ist aber alles nicht neu, sondern nutzt lediglich die Möglichkeiten die nun mal bestehen. Immerhin will es sonst ja niemand übertragen.

Ein flankierendes Konzept, wie man es zum Beispiel bei den großartigen Livestreams des Royal Opera House findet, sucht man bei der Übertragung von Parteien vergebens. Was macht das Opernhaus aus England? Angepasst an die Sehgewohnheiten der Zuschauer werden nicht nur die Geschehnisse auf der Bühne übertragen. Vielmehr gibt es Berichterstattungen rund um den Abend, Interviews mit den Protagonisten und Blicke hinter die Kulissen. Der Zuschauer hat das tatsächliche Gefühl etwas exklusives zu erleben.

Diese Möglichkeiten nutzen Parteien nicht.

Warum?

Die Antwort scheint recht trivial. Weil sie es nicht können. Weil sie es nicht wollen. Das zeigt die oben beschriebene Stellenanzeige.

Sie zeigt, hier exemplarisch am Beispiel der CDU, dass es keine wirkliche Strategie, keinen langfristigen Plan für die veränderten Vorzeichen der Kommunikation zwischen Parteien und dem Rest der Republik gibt.

Wo erleben wir gute „sozial medial“-Arbeit?

Wenn ich gute Kommunikation in Social Media erlebe, dann ist sie stets auf individuelles Engagement und Interesse von einzelnen Politikern zurückzuführen. Es gibt, neben den üblichen und bekannten Verdächtigen aus der Spitzenpolitik, auch viele Politikerinnen und Politiker in zweiter Reihe, die einen ernsten Austausch mit ihren Wählern suchen, sich Diskussionen stellen und die Transparenz schaffen, die Politik wieder attraktiv machen kann.

Was fehlt?

Was fehlt ist die übergreifende Erkenntnis, dass Onlinekommunikation kein notwendiges Übel für die politische Kommunikation ist, sondern ein wünschenswertes Gut.

Was fehlt ist der Mut auch außerhalb der eigenen Auftritte aktiv zu werden. Die sozialen Medien sind voll von Gruppen und Foren in denen ernsthaft über Politik geredet wird. Hier trifft sich die viel beschworene Basis, hier kann sie abgeholt werden. Aber weder Parteien, noch Politiker beteiligen sich sichtbar und offiziell an diesen Diskursen.

Mit schnellen Teamaufstockungen durch leichtbezahlte Nachwuchskräfte ist keines der Ziele zu erreichen.

 

Schnurz und Wurst  —  Warum der neue WhatsApp-Status nicht egal ist.

Seit gestern hat ist die neue WhatsApp-Funktion ausgerollt. Mit dem “Status” können kurze Foto- und Videosequenzen, hübsch bearbeitet und mit Texten und Emoticons versehen, gespeichert werden und sind dann für die Kontakte im WhatsApp-Telefonbuch für 24 Stunden sichtbar.

Eine genauere Beschreibung liefert Chip unter http://www.chip.de/news/WhatsApp-So-aktivieren-Sie-das-neue-Status-Feature_109352043.html

Nach den ersten 24 Stunden liegt die Funktion noch weitgehend brach, schon lese ich aber in vielen Threads bei Facebook, die neue Funktion sei “egal”, “wurst” und letztlich nur eine Anbiederung von Facebook (denen WhatsApp gehört) an die aufkeimende Konkurrenz von Snapchat und Instagram.

Falsch!

Gerade im vergangenen Jahr hat der ursprüngliche SMS-Konkurrent die private Kommunikation verlassen und entwickelt sich rasant zu einem Tool für die professionelle Kommunikation von Unternehmen, Institutionen und Einzelpersonen mit prominentem Status.

Meine persönlichen Erfahrungen mit dem Einsatz eines WhatsApp-Newsletters sind gut, nicht sehr gut. Zusätzlich nutze ich einige WhatsApp-Newsletter als Informationsquelle, z.B. den der “Rheinischen Post”.

Nicht vergessen darf man die relevante Kommunikation von Gruppen, Teams, Vereinen und anderen in WhatsApp-Gruppen. Wer behauptet, der Nachrichten-Dienst sei nur ein Werkzeug zum Versand von Textnachrichten, belügt sich selber.

Welche Chancen bietet nun der “Status”?

Ganz konkret sehe ich Statusmeldungen von Menschen die bei Facebook nicht aktiv sind, ich sehe Statusmeldungen die wesentlich privater sind als die durchgestylten Posts bei Instagram und Co. Das ist gut und unterstreicht die persönliche Note von WhatsApp. Eine persönliche Note die nicht vergessen lassen darf, dass Statusmeldungen natürlich nicht privat sind. Man gibt Informationen in ein soziales Netzwerk und weiß damit nie wo was landet!

Für die professionelle Kommunikation bietet die Statusfunktion eine Vielzahl von Möglichkeiten. 

Welche Möglichkeiten sind spontan zu sehen?

Viele Unternehmen werden versuchen ihre Bildkampagnen auch über diesen Kanal zu spielen. Langweilig. Gute Möglichkeiten sehe ich aber für die Informationsverbreitung von regionalen und lokalen Zeitungen und Rathäusern.

Zeitungen können Lust, entweder auf ihre Gesamtausgabe oder ein bestimmtes Thema, lenken. Sie können zeitnah Informationen versenden, die eine tatsächliche Relevanz haben. Auch, weil WhatsApp es zulässt die Empfänger von Status-Nachrichten zu kontrollieren. Nicht jeder muss alles erhalten. Tools dazu wird der Markt bald sicher bereitstellen.

Rathäuser und Verwaltungen können ihren Bürgerservice ausbauen, können Informationen streuen, die relevant sind. Der Flyer für ein Fest am Wochenende – als Status eingestellt und abrufbar. Die temporäre Straßensperrung – Bild und kurze Info als Status. Ein echter Mehrwert für die Menschen die es betrifft.

Also. Wurst? Nein, eine weitere Chance die Menschen dort zu erreichen wo sie sowieso schon sind.

Warum Trump die Enttrumpisierung fürchten muss

Einen großen Teil ihres temporären Erfolges haben die Nationalsozialisten im sogenannten Dritten Reich ihrer, im Sinne der Sache, gelungenen Kommunikation zu verdanken.

Sie bereiteten Deutschland auf ein „Tausendjähriges Reich“ vor und setzten alles daran, diese Idee im Volk zu verkaufen.

„Nach mir die Sintflut“, wird sich also manches gedacht haben. 1000 Jahre wird kein Mensch und deshalb machte es wenig Sinn über die Zeit nach Hitler zu sinnieren. Erst die Entnazifizierung durch die alliierten Siegermächte brachte dann für manchen das Böse erwachen. Man war einem Dämon hinterher gelaufen und hatte „Hurra“ bei etwas gebrüllt, das verabscheuungswürdig war.

Donald Trump wird maximal acht Jahre im Präsidentenamt bleiben – so will es die Verfassung der Vereinigten Staaten. Und diese Perspektive löst bereits jetzt, Wochen nach der Amtseinführung, aus, dass sich Menschen auf die „nach-Ära“ vorbereiten.

Angefangen mit dem Ausscheiden eines großen Teils des Stabes eines Ministerium, weiter über die klare Kampfansage einer Gruppe von Geheimdienstlern.

Die Menschen verstehen, dass sie in einer Zeit nach Trump Probleme bekommen werden, sollte man sie seinen Unterstützern oder Zuarbeitern zuordnen können.

Paradoxerweise sind es egoistische Momente, die der Gemeinschaft helfen. Jeder denkt an sich, will nicht persönlich in Mitleidenschaft geraten, wenn es heißt „Trump ist weg“ und schafft dadurch eine Massenbewegung.

Irgendwann wird Trump also darüber stolpern, dass nur die, die nicht können wollen und die die können nicht mehr wollen, bzw. dürfen.