Mehr WG-Küche als Wirtschaftsbetrieb – Der neue Einzelhandel

Ich bin ein Fan des Einzelhandels. Das wissen alle, die hier schon einmal quer gelesen haben oder mich persönlich kennen.

Vielmehr habe ich vor langer Zeit sogar einmal Einzelhandelskaufmann gelernt und beobachte seine Entwicklung seither genau. Vieles ist in den letzten Jahren schief gelaufen im Einzelhandel.

  1. Das Internet und seine Möglichkeiten wurden weg gelacht. „Die Leute werden doch nicht im Internet xyz kaufen wollen. Ich und mein Geschäft betrifft das nicht.“ Doch!
  2. Dem zurückgehenden Umsatz/Gewinn wurde mit immer schlechteren Löhnen begegnet.
  3. Wer geht also los und wird Einzelhandelskaufmann-/kauffrau? Nicht die intellektuelle Speerspitze eines jeweiligen Jahrgangs.
  4. Dieser Effekt verschärft sich durch die Tatsache, dass die Ladenöffnungszeiten immer weiter ausgedehnt wurden. Kunden können jetzt oftmals auch nach 22 Uhr shoppen. Machen sie meistens nicht. Aber immerhin: das Angebot steht. Da lässt sich der Einzelhandel nichts nachsagen.
  5. Viele Fachmärkte beschränken sich auf Aushilfen. Fachberater findet man so selten wie gutes Essen bei McDDonalds.

Fallen Euch noch zusätzliche Punkte ein?

Eine neue Generation macht sich auf den Einzelhandel zu retten

Aber, es gibt auch gute Neuigkeiten. In den letzten Jahren entdecken immer mehr Menschen einer jüngeren Generation den Handel mit schönen Dingen für sich. Plötzlich gibt es in den B- und C-Lagen der Innenstädte wieder Geschäfte die, inhabergeführt, Kunden ansprechen.

Sie gestalten, oft aus finanziellen Mängeln, ihre Läden in einem neuen Stil in dem nicht der professionelle Ladenbau dominiert, sondern das liebevolle Zusammensetzen zusammengeklaubter Einzelteile. Sie füllen alte, abgeflämmte Weinkisten mit allerlei schönen Dingen. Sie kennen Singer- und Songwriter, die schon 12% des Wegs zum Erfolg zurückgelegt haben und lassen sie in ihrem Laden auftreten.

In diesen Läden fühlt man sich wohl. Denn man kommt, gefühlt, zurück in die Küche seiner Studenten WG. Man hat dort eine gute Zeit, wird nicht zum Kauf und Konsum gedrängt und kann den Laden auch zum zwanzigsten Mal betreten ohne anschließend etwas zu kaufen und dabei ein schlechtes Gefühl zu bekommen.

Diese transformierten WG Küchen werfen dann genau soviel ab, dass die Miete bezahlt werden kann. Sobald sich die Lebenssituation des Inhabers ändert, etwa durch Kinder oder keinen Bock mehr auf Armut, verschwindet der Laden wieder.

Schade! Denn oft haben diese neuen Einzelhandelsläden tolle Idee und Konzepte, steht hinter ihnen eine motivierte Frau oder ein motivierter Mann. Auch Selbstverwirklichung spielt eine große Rolle. Ausbrechen wollen. Was eigenes machen. Oft bleibt es ein Ausflug.

Schade! Denn unsere Innenstädte brauchen genau das: Farbe und Diversität, bei all den Städten die Abziehbildern gleichen.

Schade! Denn auch die alt eingesessenen Händler brauchen die Farbe und die Ideen des neuen Einzelhandels. Sie können von den neuen Kollegen lernen, erfahren was gefragt ist und sich Kompetenzen in den neuen Wegen der Kommunikation an- und abgucken.

Gut, dass es so ist wie es ist. Denn ich glaube, dass aus diesem neuen Einzelhandel etwas entstehen wird, dass unsere Innenstädte wieder aufwertet und zu Orten der Begegnung macht.

Schade nur, dass bis dahin noch zahllose WG Küchen eröffnen und wieder schließen müssen. Aber Entwicklung braucht Zeit und Verläuft stets über eine Lernkurve.