Warum ich jetzt unter die Gastronomiekritiker gehe

Wer von Euch geht gerne essen, oder generell aus?
Seit ich Papa bin, finde ich nicht mehr allzu oft die Zeit zum privaten Weggehen. Generell mag ich es aber mich in Restaurants, Cafes und Bars herumtreiben. Ob das Essen gut oder schlecht ist, das kann ich nur aus meinem laienhaften Verständnis heraus beurteilen. Aber darum soll es bei meinen zukünftigen Gastrokritiken, die ich hier als neue Kategorie einführe, auch gar nicht gehen.

Über ein gutes Essen entscheidet nicht nur die Küche

Als Kommunikationsheini habe ich, wie jeder Mensch der seinen Beruf liebt, die Berufskrankheit, auch in meiner Freizeit auf die Wahl der rhetorischen Waffen meines jeweiligen Gegenübers zu achten. Es macht mir Spaß Gespräche mit Einzelhändlern und Mitarbeitern aus Gastronomien im Nachhinein zu analysieren. Auch, um mich zu fragen, ob man mir hätte mehr verkaufen können – quasi als Reflexion über Möglichkeiten mich zu bezirzen.

Häufig fällt mir auf, dass meine Gastrorechnung hätte hoher ausfallen können, wenn das Servicepersonal mir tatsächlich etwas verkauft- und nicht nur meine Bestellung aufgenommen hätte.

Ich werde also nicht Essen- und Trinken bewerten, das können andere viel besser, sondern die Art und Qualität von Service und Verkauf, im Sinne des Gastronomen. Dabei geht es mir in dieser Kategorie nicht darum einzelne Restaurants und Co. vorzuführen und ich werde meine Ideen und Kritiken anhand echter, aber meistens anonymisierter, Erlebnisse berichten. Bei großen Ketten sei eine Ausnahme erlaubt.

Warum tue ich das?

Ich glaube, dass viele Gastronomien Geld auf der Straße liegen lassen, weil sie sich sehr viel Mühe mit Ambiente, Produkten und Co. geben. Dann vergessen sie aber ihre Dinge tatsächlich an den Kunden zu bringen. Vielleicht helfen meine Beobachtungen und Ideen dem ein oder anderen Leser – egal ob studentische Kellnerin oder Restaurantchefin – mehr Umsatz zu generieren, indem der Gast sich noch wohler fühlt. Denn das ist das letztendliche Ergebnis von gutem Verkaufen!

 

Elternzeit – „Ist das denn gut für Deine Karriere?“

Ab dem heutigen Tage bin ich in Elternzeit. Für mindestens 365 Tage, ein Jahr. Ich gehe diesen Schritt im Vollbesitz meiner geistigen Fähigkeiten. Warum betone ich das? Dazu später mehr.

Kurz vor der Geburt unseres zweiten Kindes habe ich begonnen im Ruhrgebiet zu wohnen und im Rhein-Main-Gebiet zu arbeiten. Trotz vieler Entgegenkommen meines Arbeitgebers bin ich dadurch zum Wochenendpapa verkommen. Etwas, das ich nicht sein möchte. Ich habe zwei Kinder. Nicht, damit die Welt um zwei Menschen größer ist, sondern damit ich sie aufwachsen sehen und begleiten kann. Ich möchte, dass sie von mir lernen und ich möchte von ihnen lernen. Und möchte mit ihnen Spaß haben, mich mit Ihnen streiten.

Daher freue ich mich auf eine intensive Zeit, die mir oft Stress bereiten wird und von der ich manchmal bereuen werde, sie angetreten zu haben. Im Großen und Ganzen wird sie aber wunderbar werden.

Ich freue mich, dass meine Frau, die in den letzten vier Jahren in die zweite Reihe getreten ist, nun beruflich voran kommen kann und ich finde es großartig in einer Generation zu leben, in der das möglich ist. Gesellschaftlich und gesetzlich.

Erste Reaktionen

Aber ist es so einfach? Die Reaktionen auf die Verkündung nun ein Jahr in Elternzeit zu gehen, gänzlich unbezahlt, rief vielfältige Reaktionen hervor. Einige davon haben mich überrascht, andere ungläubig gemacht.

Aus der Gruppe derer, die selber kleine Kinder haben, fiel die Reaktion durchweg positiv aus. Aber auch hier konnten sich, gerade Männer, oft kleine Spitzen nicht verkneifen und gratulierten mir etwa zu der Entscheidung jetzt in Weicheizeit zu gehen. Aha! Neidisch, oder ist unser festgelegtes Rollenbild doch noch starrer, als wir alle hoffen und auch von uns selber wünschen?

Eine sehr häufige Reaktion war die Frage: Meinst Du denn, dass das gut ist für die Karriere? Also, wenn man da jetzt so raus ist? Auch die Frage nach der potenziellen Lücke im Lebenslauf kam auf.

Meine Frau hat danach nie jemand gefragt, als sie jeweils zweimal ein Jahr daheim geblieben ist, um das erste Jahr unserer Kinder möglichst gut zu gestalten. Die Frage nach möglichen Nachteilen bei der Rente oder ähnliches gab es bei ihr nie.

Meine Antwort

Meine Antwort ist sehr einfach: Ja, die Entscheidung ist hervorragend für meine Karriere. Für meine Karriere als Mensch und als Papa. Und jobmäßig mach ich mir gar keine Sorgen. Ich führe ein Leben und pflege keinen Lebenslauf.

Also, macht Euch bereit auf einige Artikel zu meiner neuen Tätigkeit als Vollzeitpapa.

 

Der Ruhrpott macht auf Nordsee – gut!

Die letzten zwei Wochen habe ich auf der Insel verbracht – Langeoog. Meine Frau: Ärztekongress. Ich: Kinder hüten und einen Urlaub genießen, für den man sich an der Nordsee fast schämen muss – 14 Tage karibischer Sonnenschein, keine Wolke, Strandwetter.

Auch dank dem Verzicht auf Notebook, Tablet und Smartphone hatte ich viel Zeit meine Umgebung zu beobachten und stellte fest, dass der Norden voll ist mit Reliquien aus alter Seefahrerzeit. Die Vorgärten sind voll mit Ankern und Bojen, vor der Stadthalle Langeoog findet sich ein ausgemusterter Seenotretter. Die Kinder tragen Strampler mit Anker, die Papas Unterarme mit Meerjungfrauen. Spielplatzgeräte sind wie Schiffe geformt, Shanty Chöre singen am Strand und das alles wirkt verdächtig wenig nach Touristenkitsch, sondern vielmehr nach Stolz auf die eigene, durch Meer, Ebbe und Flut geschliffene Identität.

Wenn ich durchs Ruhrgebiet schlendere sehe ich eine ähnliche Entwicklung. Die Insignien des Bergbaus, quasi das Pendent zur Seefahrt, finden immer mehr Einzug in den Alltag. Überall begegnen Schlägel und Eisen dem aufmerksamen Betrachter. Immer mehr Marken versuchen mit dem Ruhrpottimage ein paar Euros zu verdienen. Vom Grubenmann bis zu Ruhrpottliebe ist vieles dabei. Viel Mist, ja, aber die Entwicklung ist gut. Das Ruhrgebiet verabschiedet sich langsam aber sicher von der Scham eine ehemalige Bergbauregion zu sein, die nun brach liegt. Denn das tut sie nicht. Viele ehemalige Zechen und Industriebrachen sind längst Orte des kulturellen Zusammenkommens und der Kultur. So etwas gibt es kein zweites Mal und die Objekte und Symbole, die lange in Kellern und Kellerbars versteckt wurden, strahlen in neuem Glanz, lassen den Pott in einem neuen Selbstbewusstsein erstrahlen.

Das ist gut, denn das Ruhrgebiet braucht sich für gar nichts schämen. Im Gegenteil. Es darf aber ein bisschen nach Norden schauen und noch mehr von dem Selbstbewusstsein aufnehmen, das die Bewohner von Norderney, Langeoog und Sylt längst haben. Auch hier ist die Schifffahrtsromantik genauso tot, wie der Bergbau zum Broterwerb dient. Das hindert aber niemanden daran sich seiner Wurzel bewusst zu sein und die Symbole als Vehikel in eine neue Zeit zu nutzen.

Warum Schnittstellen die Kommunikation töten und was Bauen damit zu tun hat

Wer zum ersten Mal ein Haus baut ist oft überrascht, dass dazu, wie im Wimmelbuch dargestellt, nicht nur Architekt und Bauarbeiter gehören. Um ein Gebäude entstehen zu lassen braucht es eine Vielzahl von Spezialisten die ihre jeweiligen Gewerke (so nennt man geschlossene Leistungsbereiche des Bauens, also Trockenbau, Fliesenleger, etc.) verantworten. Dazu kommen dann die Architekten, Innenarchitekten und TGAler. Letztere sind diejenigen, die sich um die Haustechnik kümmern.

Am Ende stehen oft verdutzte Bauherren, die sich wundern, das alles teurer wird und länger dauert. Im Großen wie auch im Kleinen! Egal ob Einfamilienhaus oder Flughafen. Stresslos geht es selten.

Warum ist das so?

Die Fehler liegen dabei nicht bei den einzelnen handelnden Personen. Die verstehen ihre jeweilige Aufgabe oft sehr gut und sind Profis auf ihrem Gebiet. Und genau da liegt das Problem: Profis auf ihrem Gebiet… die restlichen Dinge interessieren einfach nicht. „Ich soll hier verputzen…“ Also wird verputzt. Koste es was es wolle. Was fehlt ist häufig die übergeordnete Instanz, der Dirigent, der das Orchester zum harmonischen Gleichklang bringt.

Professionelle Kommunikation ist wie Bauen

In der Kommunikation von Unternehmen, Verbänden, Firmen und Parteien finden sich die selben Strukturen wieder, die auch auf einer beliebigen Baustelle zu finden sind. Viele Ideen, viele Ansprüche, viele Profis. Und alle werkeln für sich allein. Zum einen, weil ihre Abteilungen individuell beurteilt werden. Am Ende steht jeder für sich allein. Zum anderen, weil die Kosten, um die Abteilungsgrenzen zu überwinden, schlicht nicht bezahlt werden. Genau aus diesem Grund stimmen sich Maurer und Fliesenleger auch nicht ab: es wird nicht vergütet, sollen sich doch andere drum kümmern.

Dieses Denken und Handeln führt nicht nur zu unnötiger Konkurrenz, sondern verursacht Kosten an den Schnittstellen, die man problemlos vermeiden könnte.

Warum ist ein neuer Denkansatz nötig?

Das abgegrenzte System hat lange funktioniert. Ganz einfach aus der Tatsache heraus, dass Medien und Menschen nicht wirklich vernetzt waren. Vielleicht war es sogar sinnvoll die „Gewerke“ der Kommunikation voneinander zu trennen, um Probleme bei der Absprache zu verhindern.

Heute ist das kein Argument mehr. Die Vernetzung ist da. Ideen, Daten und Fakten können für jedermann einsehbar abgelegt werden. Man muss es nur wollen und bereit sein eigene Pfründe, im Sinne der gemeinsamen Sache, einzugrenzen. Das ist schwer, aber existenziell.

Existenziell, weil sich die Erwartungshaltung von Kunden (intern wie extern) verschiebt: Vernetzung und Absprachen sind heute simpel möglich und werden daher auch erwartet. Wir machen heute vielfach die Beobahtung, dass die Kommunikation im privaten Bereich – über WhatsApp, Trello und Co. – versierter läuft, als wir das dann bei Dienstleistern oder im eigenen Unternehmen erleben.

Konkret: Die Gewerke müssen sich vernetzen und sogar hinterfragen, ob eine strikte Trennung noch zeitgemäß ist. Am Bau ist der Maurer nicht durch den Zimmermann zu ersetzen. In der Kommunikation müssen wir uns aber fragen wie sinnvoll es ist die externe Kommunikation in einer anderen Abteilung zu betreiben als Social Media und das wiederum von „Media“ abzugrenzen.

Meine Antwort: gar nicht!

Nachtrag:
Die Diskusion zum Beitrag bei Facebook könnt Ihr hier verfolgen und natürlich auch gerne daran teilhaben:

Die NRWahl – Nicht das Wir entscheidet

NRW hat gestern gewählt. Das Ergebnis ist, zumindest für die SPD, niederschmetternd. Aber auch für die Piraten, die Grünen – und die AfD hatte sich sicher auch mal mehr ausgerechnet.

CDU und FDP dürfen jubeln und ich möchte mich mit der Frage beschäftigen, welche Rolle die politischen Kampagnen gespielt haben.

Keine!

Denn die Wähler bekamen im gesamten Wahlkampf kaum etwas zu sehen, das sich mit einer politischen Kampagne verwechseln ließe.

Der Wahlkampf war von dem geprägt, was guten Gewissens als Werbung bezeichnen werden darf. Plakate mit großen Gesichtern und klaffenden Claims. Die SPD entschied sich für ein allgegegenwärtiges Hashtag (#) mit dem folgenden Wortspiel NRWir. Hier stellt sich sofort die Frage nach Henne und Ei. Was war zuerst da, die Wille zum Wortspiel generell oder die Idee ein Wir-Gefühl vermitteln zu wollen. Bei mir wollte sich dieses Gefühl zu keinem Moment einstellen. Ich habe nicht verstanden was gemeint war. Die alleinige Tatsache in einem gemeinsamen Bundesland zu wohnen schafft, zumindest bei mir, keine Gefühl der Zusammengehörigkeit. Dazu braucht es mehr. Vor allem Menschen, mit denen ich dieses Gefühl assoziieren kann.

Die Sache mit dem #

Werbend warben die Kraft´sche Plakat also für das #NRWir und vergaß dabei, dass sie mit dem Hashtag gleich zwei Zielgruppen vor den Kopf stieß:

  1. Die online-affine Zielgruppe, die weiß, dass Hashtags einen technischen Nutzen erfüllen. Sie aggregieren Inhalte und machen alles auffindbar was unter einem bestimmten Hashtag geteilt wurde. Diese Zielgruppe weiß auch, dass Hashtags etwas Anarchisches haben. Hashtags entstehen aus der Community, sie sind Reaktionen auf Themen. Viele Marken haben sich bereits die Zähne daran ausgebissen einen Hashtag zu etablieren. Funktioniert selten, nutzt nie. Die SPD hat es erneut beweisen.
  2. Die offline-affine Zielgruppe, die schlicht nicht versteht, was dieses Zeichen vor dem Wortspiel soll.

Hier zeigt sich, dass klar in Kampagne gedacht wurde. Wie können wir bunt sein, einen Wiedererkennungswert schaffen? Wie wirken wir zeitgemäß und pushen unsere Ideen in den Markt? Politiker sind doch letztlich auch nur Marken. Nein, sind sie nicht…

Bildergebnis für wahlplakat kraft 2017

Lindner ist da konsequenter

Der FDP-Chef war dabei noch konsequenter. Konsequent im Sinne von: gut! Er stellte sich, wahrscheinlich auch mangels Alternativen, mit dem Gesicht und zitierten Aussagen vorne an. Die Optik dabei entsprach modernen Kampagnen, wie man sie auch für Produkte des täglichen Bedarfs findet: klar, sauber, aufgeräumt und emotional.  So wie man es gerade halt macht. Das schaffte Vertrauen zu einer sich jung gebenden Partei, die wenig zu verlieren hat. Ob es einen solchen Wahlkampf auch aus einer starken Position heraus gegeben hätte?

Wahlplakat der FDP mit Christian Lindner

1,2, die Grünen

Die Grünen versuchten auf Personen und Themen zu setzen – gleichzeitig –  und positionierte unter 1. den Namen des jeweiligen Wahlkreiskandidaten auf die Plakate. Darunter fand sich, unter 2. dann eine politische Aussage. Gut gedacht, wirkt aber belehrend und beantwortet die Fragen nach dem wie gar nicht.

Wahlbanner

Überhaupt: Wahlkampf

Die Frage die sich alle Parteien stellen mussten ist aber Folgende: Ist ein Wahlkampf, wie er geführt wurde, noch zeitgemäß? Sechs Wochen vor der Wahl kriechen die Parteien aus ihren Zentralen und bevölkern Bäume, Laternenmasten und Innenstädte – political pollution! Mit großem Tschingderassabum werden Give-aways verteilt und Stände aufgebaut, Facebook gefüllt und Instagram getaggt.

Danach: wird alles wieder eingerollt und muss bis zum nächsten Einsatz warten.

Im Zeitalter der Dauerkommunikation ist ein solcher Einsatz nicht mehr zeitgemäß. Heute haben Politiker die Möglichkeit auch zwischen zwei Wahlen, ohne Aufwand an ihre Wähler heranzutreten. Aber kaum einer macht das… Kommunikation wird als Mittel zum Zweck betrieben. Nicht, um tatsächlich das Ohr am Volk zu haben. Nicht, um wirklich ins Gespräch zu kommen.

Die Realität wird auf dem Altar der schönen Bilder und knackigen Aussagen geopfert. Marken wurden dafür schon immer abgestraft! Insofern haben Politiker, Parteien und Marken durch gewisse Schnittstellen.

Was gilt es aus der NRW Wahl zu lernen?

Aus parteiübergreifenden Radiointerviews schallt mir heute entgegen: „Jetzt beginnt der Wahlkampf!“

Für den Wähler (in NRW, Kiel und dem Saarland) bedeutet das: nun werden neue Plakate aufgehängt und die Leute von gestern werben statt für einen Landes- für einen Bundestagkandidaten. Was es aber stattdessen braucht sind neue Formate der On-und Offlineansprache und die Förderung einer neuen politischen Kultur.

Die Parteien müssen sich überlegen, wie Politik wieder da ankommen kann, wo sie hingehört: bei denen die nicht für ein Amt kandidieren. Dazu gehören eigene parteiindividuelle Themen und Aussagen, die zulassen, dass ein Wir entstehen kann. Denn ein Wir braucht eine Abgrenzung gegen Die. Sonst entsteht ein Brei in den zwar jeder seine Gedanken und Wünsche interpretieren kann, der letztendlich aber immer zur Enttäuschung führen wird.

Die Parteien müssen verstehen, dass sie nur Vertreter der Demokratie sind und nicht die Demokratie selber. Aus dieser Demut kann dann das entstehen was gebracht wird: echtes Interesse für Demokratie und kein Hinterherhecheln nach Stimmungsbildern. Auf Seiten der Wähler und auf der der zu Wählenden!

Warum wir Kommunikation über- und unterschätzen

Ich muss das dann noch kommunizieren…

Bei der Nutzung dieses Wortes kommunizieren, anstatt die Worte sagenbesprechen oder klar machen zu nutzen, stehen meine Nackenhaare immer ein Stückchen hoch. Die Inflation der Kommunikation ist überall spürbar. Jeder möchte professionell kommunizieren, denn irgendwie haben viele verstanden, dass das wohl nicht so ganz unwichtig ist.

Es ist spannend zu beobachten, für wie wichtig das Thema erachtet wird. Erfolg hängt an erfolgreicher Kommunikation.

Was aber geschieht ist das genaue Gegenteil. Indem wir über Kommunikation reden, vergessen wir Kommunikation zu machen. Das ist schade, unnötig und kostet Geld.

Überschätze Kommunikation

Tagesaktuell sorgt diese Mail für Furore, die Adidas an die Teilnehmer des Boston Marathon geschickt hat:

Ja, das ist dumm, unnötig, unsensibel und hätte vor Social Media niemanden interessiert. Adidas´Umsatz wird dadurch höchst wahrscheinlich kaum tangiert werden.

Der Fall ist aber ein Beispiel für die übersteigerte Sensibilität gegenüber den Äußerungen großer Unternehmen und Marken. Die Wirkung der Kommunikation mit werbendem Charakter wird überschätzt. Auch, weil sich nach solchen Fällen stets eine kleine Schar von Menschen sehr laut und sehr aufgeregt äußert und dadurch vieles größer erscheinen lässt als es ist.

Natürlich ist Reputation eine wichtige Sache die den Marken- und Börsenwert langfristig beeinflusst. Aber den oben skizzierten Fehltritt mit einem echten Desaster in einen Topf zu werfen ist schlicht falsch.

Überschätzte Kommunikation finden wir zur Zeit auch an zahlreichen Bäumen und Straßenlaternen.

Wie hier in meiner Arbeitsheimat, wo gerade der Bürgermeisterwahlkampf tobt, ist auch das Bundesland Nordrhein-Westfalen ob der drohenden Landtagswahl mit Plakaten vollgestopft. Plakate, die viel Geld kosten, viel Müll produzieren und deren kommunikative Wirkung hoffnungslos überschätzt wird.
Diese Form der Kommunikation stammt aus einer Zeit, als Litfaßsäule und Plakatwände tatsächlich noch die einzige Möglichkeit darstellten sich der breiten Masse zu präsentieren. Ab 1920 wurde diese Möglichkeit der Präsentation massiv genutzt. Knapp 100 Jahre später hat sich daran  kaum etwas geändert. Warum? Alle tun es, da will man nicht nicht dabei sein. Also überbieten sich Parteien und Kandidaten in visueller Umweltverschmutzung.

Kommunikation, zeitgemäße Kommunikation, findet dadurch nicht statt – wenn man zeitgemäß als dialogisch definiert. Noch immer dominieren, neben den Plakaten, Wahlkampfstände wie zu Adenauers Zeiten und der Dialog in den sozialen Medien steckt meist noch nicht mal in den Kinderschuhen.

Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen – Loriot

Unterschätzte Kommunikation

Jenseits der Werbung findet die Kommunikation statt, die ich als unterschätzte Kommunikation bezeichne. Der Dialog, der Austausch der dort stattfindet wo es weh tut. Wo man nicht automatisch bejubelt wird. Unterschätzte Kommunikation ist es auch deshalb, weil sie nicht attraktiv und plakativ ist, nicht sexy.

Für United Airlines hieße das nicht nur Regeln zu ändern, sondern mit dem eignen Unternehmen ins Gespräch zu kommen – unter Einbezug der Öffentlichkeit.

Es geht nicht um nett und freundlich

Gute Kommunikation ist nicht die Kommunikation die besonders wertschätzend oder freundlich ist, sondern diejenige die stattfindet. An vielen Stellen unterschätzen wir die Macht stattfindender Kommunikation und überschätzen das Schweigen, das dann rasch zum Aussitzen wird. Kommunikation stattfinden zu lassen ist der beste Weg nach dorthin wo es weh tut, denn man muss sich miteinander auseinandersetzen.

Häufig leitet uns die Angst, ein Dialog könnte nicht nett und freundlich seindahin ihn gar nicht stattfinden zu lassen.

Man kann zwar nicht nicht kommunizieren, aber einigen wir uns darauf, dass es nicht-Kommunikation gibt. Und die ist meist keine Lösung für irgendetwas.

Diese Erkenntnisse sind nicht neu. Umso betrüblicher ist es, dass wir noch immer über Ihre Umsetzung reden müssen.

Wasch mich, aber mach mich nicht nass…

… gilt auch in der Kommunikation. Da werden Seminare besucht, Bücher gelesen und Podcasts gehört. Umsetzen sollen die gute, die professionelle Kommunikation aber die anderen. Vielfach sind wir sogar überschult und sehen die Basis gelingender Kommunikation gar nicht mehr. Und die ist, ganz einfach: Interesse, Information und Wertschätzung, auch wenn man nicht einer Meinung ist!

Das gilt analog und digital.

 

 

 

 

Warum Politiker keine Marken sein sollten. Aber von ihnen lernen können…

Emotion schlägt Fakten

Nicht erst seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten wissen wir: nicht Fakten entscheiden unsere Wahlen, sondern die in uns ausgelösten Emotionen.

Dabei steht Wahl nicht nur für die Wahl bei Wahlen, sondern auch für tägliche Konsum-Entscheidungen. Coke oder Pepsi, Rossmann oder DM, McDonalds oder Burger King, Amazon oder Einzelhandel? Die meisten Entscheidungen treffen wir emotional – Doppelblindtests haben das zur Gänze schon mehr als einmal bewiesen.

Das Spannende: wir rationalisieren unsere Emotionen. Niemand von uns trinkt eine Cola, weil er sich dazu gezwungen fühlt. Vielmehr leiten wir die Entscheidung scheinbar rational her:

„Oh man, ist das warm. Bei so einem Wetter hilft nur eine eiskalte Cola.“

Und, zack, die Entscheidung liegt ganz bei mir. Ich habe mich entschieden, ohne jegliche Beeinflussung. Dass die jahrzehntelange Bedröhnung mit Cola-Flaschen, an denen Kondenzwasser herabperlt, eine Rolle spielen könnte. Das spielt in diesem hellen Moment der Rationalität keine Rolle.

Die innere Demokratie

Genauso pseudo-neutral bewerten wir Politikerinnen und Politiker.

„Gesicht, Alter, Geschlecht,… spielen für mich keine Rolle. Ich entscheide streng nach Inhalten.“ Ja, genau. Und wie oft hast Du das Wahlprogramm durchgearbeitet?

Marke geht immer

Und weil viele Strategen genau das begriffen haben, bekommen – Land auf, Land ab – Kandidaten für politische Ämter erklärt, dass sie zur Marke werden müssen. Das erfordere unsere Zeit nun mal. Und dann stehen sie da, verteilen Abreißblöcke mit ihrem Konterfei und Badezusatz mit einem lustigen Spruch. Der selten lustig ist. Oft peinlich.

Was fehlt ist das was eine Marke wirklich ausmacht

Hier hilft es einmal auf die englische Sprache zu schielen. Marke wird im dort mit brand übersetzt. Und das bedeutet: Brandzeichen! Ein Brandzeichen ist einfach, klar, hat einen Wiedererkennungswert und ist einzigartig. Einmal auf der Kuh, weiß jeder wem sie gehört.

Eine gute Marke macht genau das aus: man weiß wofür sie steht. Alles andere sucht man erst gar nicht bei ihr. Billiger Schokigenuss? Ist bei Lindt nicht zu finden. Im Luxus schwelgen? Du bist falsch bei Motel One.

Und Politikerinnen und Politiker? Hausieren mit den Insignien der Marken. Plakate, Flyer, Feuerzeuge, Blöcke, Stifte, große Plakate, kleine Banner, beklebte Autos und was sonst noch gebrandet werden kann.

Das Ganze dann vier-, maximal sechs Wochen vor der Wahl.

Der eigentliche Wert einer Marke wird dabei außen vor gelassen. Der Inhalt nämlich. Wofür steht die Person? Wie positioniert sie sich zu den Themen A,B,C? Was macht sie? Was nicht?

Was bekomme ich als „Käufer“?

Ähnlich wie bei einem Kauf braucht der Wähler Informationen über das was ihn erwartet, wenn er sein Kreuz setzt. Das Gesicht des Kandidaten auf möglichst vielen Give-aways wiederzufinden hilft nicht weiter.

So entsteht Politikverdrossenheit. Immer mehr leere Hüllen werden mit immer mehr Mitteln der modernen Werbung in den Markt gepresst.

Die FAZ kann behaupten, dass dahinter immer ein kluger Kopf stecke. Weil man weiß, dass Dullhörnchen selten die FAZ lesen. Cola kann fordern sich Freude aufzumachen. Weil sie auf eine lange Geschichte zurückblicken und wissen, dass quasi jeder Mensch irgendeinen netten Moment im Hinterkopf hat in dem ein Kasten Cola in der Ecke stand.

Politikerinnen und Politiker können das meist nicht. Sie sind unbeschriebene Blätter, die vielleicht ein bisschen über den Markenwert ihrer Parteien aufgeladen sind. Dass das nicht reicht, haben die Ergebnisse der SPD bei der Saarland-Wahl gezeigt.

Was braucht es also?

Die Antwort ist sehr einfach. Und sehr schwer umzusetzen. Es braucht den Mut sich einen Kern zu geben, eine Strategie zu entwickeln wofür man stehen möchte und gleichzeitig ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass dadurch zwangsläufig Themen wegfallen oder Wähler abgestoßen werden. Diejenigen, die sich aber wiederfinden werden begeistert sein und zu dem werden, was alle haben wollen… zu Markenbotschaftern!

Denn langfristig können nur Emotionen überleben, die auf Fakten fußen. Heiße Luft ist kurz schön, dann aber sehr trocken.

 

 

 

Warum die nicht-Kommunikation der „Pulse of Europe“-Bewegung hilft

Die großen geschichtlichen Ereignisse wurden oft von unbekannten Gläubigen verwirklicht, die nichts als ihren Glauben besaßen. – Gustave Le Bon

Die Pulse of Europe-Bewegung erfasst zunehmend immer mehr Städte. Sonntags, um 14 Uhr, füllen sich Plätze und versammelt Menschen, die gemeinsam für Europa demonstrieren.

Das ist gut, denn Europa steht schlechter da als jemals zuvor. Die Euphorie ist vorbei, die das Konstrukt verschiedener Länder, Kulturen und Ideen über Jahrzehnte einen konnte. Die Generation, die den Ruf Nie wieder Krieg aus eigenen Kriegserfahrungen nähren konnte, verstummt langsam.

Zurück bleibt eine Generation, für die Europa selbstverständlich ist. Kriegslosigkeit, Grenzenlosigkeit, Einigkeit. Eine Generation, die mehr erwartet, aber nicht genau weiß was. Ich zähle dazu.

Die Verwaltung Europas hat sich darüber hinaus nie mit Ruhm bekleckert, wenn es darum ging die Union so zu bewerben, dass sie attraktiv erscheint. Bürokratismus und Bananen-Normungen sind spürbar, alles andere kaum.

Das ist schade. Und es ist gut, dass nun eine neue Graswurzelbewegung ihre Stimme für Europa erhebt – Pulse of Europe. Die Bewegung ist eine Idee: Menschen treffen sich, Sonntags um 14 Uhr und erheben ihre Stimme für Europa, gegen diejenigen die es kaputtreden wollen.

Dabei sind die einzelnen Veranstaltungen kaum vernetzt, quasi jeder darf reden, es gibt keinen größeren festen Ablauf.

Diese nicht-Vernetzung in einer vernetzten Welt ist positiv. Denn sie lässt zu, dass sich Menschen entsprechend ihres eigenen Umfelds mit einer einheitlichen Idee identifizieren können. Pulse of Europe ist in Brüssel etwas anderes als in Berlin, als in München, als in Witten.

Das ist gut, denn damit löst die Bewegung das Grundproblem Europas – die Zentralisierung. Bei Pulse of Europe kann jeder sein eigenes Europa feiern, seine eigene Idee und bringt sich so in ein Kollektiv ein, das geschlossen für eine Sache einsteht.

Paradoxerweise führt erst die digitale Vernetzung zum Erfolg und zur Ausbreitung der Bewegung. Ohne Facebook und Co. hätte Pulse of Europe nie ein kritische Masse erreichen können.

Was sollten Europapolitiker tun?

Die Bewegung ist ein Segen für immer mehr ratlos erscheinende Europa-Politiker, denn sie zeigt, dass die Europäer Europa wollen – als Inhalt. Die Form allerdings lehnen viele Menschen ab. Andersrum wäre es schlecht, so ist es ein lösbares Problem.

EU-Politiker sollten sich nun aufmachen und der Bewegung beitreten, sie anhören, ohne sie zu okkupieren. Denn was Europa nicht braucht sind ein Europa der Bürokraten und eines der Bürger.