Warum Schnittstellen die Kommunikation töten und was Bauen damit zu tun hat

Wer zum ersten Mal ein Haus baut ist oft überrascht, dass dazu, wie im Wimmelbuch dargestellt, nicht nur Architekt und Bauarbeiter gehören. Um ein Gebäude entstehen zu lassen braucht es eine Vielzahl von Spezialisten die ihre jeweiligen Gewerke (so nennt man geschlossene Leistungsbereiche des Bauens, also Trockenbau, Fliesenleger, etc.) verantworten. Dazu kommen dann die Architekten, Innenarchitekten und TGAler. Letztere sind diejenigen, die sich um die Haustechnik kümmern.

Am Ende stehen oft verdutzte Bauherren, die sich wundern, das alles teurer wird und länger dauert. Im Großen wie auch im Kleinen! Egal ob Einfamilienhaus oder Flughafen. Stresslos geht es selten.

Warum ist das so?

Die Fehler liegen dabei nicht bei den einzelnen handelnden Personen. Die verstehen ihre jeweilige Aufgabe oft sehr gut und sind Profis auf ihrem Gebiet. Und genau da liegt das Problem: Profis auf ihrem Gebiet… die restlichen Dinge interessieren einfach nicht. „Ich soll hier verputzen…“ Also wird verputzt. Koste es was es wolle. Was fehlt ist häufig die übergeordnete Instanz, der Dirigent, der das Orchester zum harmonischen Gleichklang bringt.

Professionelle Kommunikation ist wie Bauen

In der Kommunikation von Unternehmen, Verbänden, Firmen und Parteien finden sich die selben Strukturen wieder, die auch auf einer beliebigen Baustelle zu finden sind. Viele Ideen, viele Ansprüche, viele Profis. Und alle werkeln für sich allein. Zum einen, weil ihre Abteilungen individuell beurteilt werden. Am Ende steht jeder für sich allein. Zum anderen, weil die Kosten, um die Abteilungsgrenzen zu überwinden, schlicht nicht bezahlt werden. Genau aus diesem Grund stimmen sich Maurer und Fliesenleger auch nicht ab: es wird nicht vergütet, sollen sich doch andere drum kümmern.

Dieses Denken und Handeln führt nicht nur zu unnötiger Konkurrenz, sondern verursacht Kosten an den Schnittstellen, die man problemlos vermeiden könnte.

Warum ist ein neuer Denkansatz nötig?

Das abgegrenzte System hat lange funktioniert. Ganz einfach aus der Tatsache heraus, dass Medien und Menschen nicht wirklich vernetzt waren. Vielleicht war es sogar sinnvoll die „Gewerke“ der Kommunikation voneinander zu trennen, um Probleme bei der Absprache zu verhindern.

Heute ist das kein Argument mehr. Die Vernetzung ist da. Ideen, Daten und Fakten können für jedermann einsehbar abgelegt werden. Man muss es nur wollen und bereit sein eigene Pfründe, im Sinne der gemeinsamen Sache, einzugrenzen. Das ist schwer, aber existenziell.

Existenziell, weil sich die Erwartungshaltung von Kunden (intern wie extern) verschiebt: Vernetzung und Absprachen sind heute simpel möglich und werden daher auch erwartet. Wir machen heute vielfach die Beobahtung, dass die Kommunikation im privaten Bereich – über WhatsApp, Trello und Co. – versierter läuft, als wir das dann bei Dienstleistern oder im eigenen Unternehmen erleben.

Konkret: Die Gewerke müssen sich vernetzen und sogar hinterfragen, ob eine strikte Trennung noch zeitgemäß ist. Am Bau ist der Maurer nicht durch den Zimmermann zu ersetzen. In der Kommunikation müssen wir uns aber fragen wie sinnvoll es ist die externe Kommunikation in einer anderen Abteilung zu betreiben als Social Media und das wiederum von „Media“ abzugrenzen.

Meine Antwort: gar nicht!

Nachtrag:
Die Diskusion zum Beitrag bei Facebook könnt Ihr hier verfolgen und natürlich auch gerne daran teilhaben:

Die NRWahl – Nicht das Wir entscheidet

NRW hat gestern gewählt. Das Ergebnis ist, zumindest für die SPD, niederschmetternd. Aber auch für die Piraten, die Grünen – und die AfD hatte sich sicher auch mal mehr ausgerechnet.

CDU und FDP dürfen jubeln und ich möchte mich mit der Frage beschäftigen, welche Rolle die politischen Kampagnen gespielt haben.

Keine!

Denn die Wähler bekamen im gesamten Wahlkampf kaum etwas zu sehen, das sich mit einer politischen Kampagne verwechseln ließe.

Der Wahlkampf war von dem geprägt, was guten Gewissens als Werbung bezeichnen werden darf. Plakate mit großen Gesichtern und klaffenden Claims. Die SPD entschied sich für ein allgegegenwärtiges Hashtag (#) mit dem folgenden Wortspiel NRWir. Hier stellt sich sofort die Frage nach Henne und Ei. Was war zuerst da, die Wille zum Wortspiel generell oder die Idee ein Wir-Gefühl vermitteln zu wollen. Bei mir wollte sich dieses Gefühl zu keinem Moment einstellen. Ich habe nicht verstanden was gemeint war. Die alleinige Tatsache in einem gemeinsamen Bundesland zu wohnen schafft, zumindest bei mir, keine Gefühl der Zusammengehörigkeit. Dazu braucht es mehr. Vor allem Menschen, mit denen ich dieses Gefühl assoziieren kann.

Die Sache mit dem #

Werbend warben die Kraft´sche Plakat also für das #NRWir und vergaß dabei, dass sie mit dem Hashtag gleich zwei Zielgruppen vor den Kopf stieß:

  1. Die online-affine Zielgruppe, die weiß, dass Hashtags einen technischen Nutzen erfüllen. Sie aggregieren Inhalte und machen alles auffindbar was unter einem bestimmten Hashtag geteilt wurde. Diese Zielgruppe weiß auch, dass Hashtags etwas Anarchisches haben. Hashtags entstehen aus der Community, sie sind Reaktionen auf Themen. Viele Marken haben sich bereits die Zähne daran ausgebissen einen Hashtag zu etablieren. Funktioniert selten, nutzt nie. Die SPD hat es erneut beweisen.
  2. Die offline-affine Zielgruppe, die schlicht nicht versteht, was dieses Zeichen vor dem Wortspiel soll.

Hier zeigt sich, dass klar in Kampagne gedacht wurde. Wie können wir bunt sein, einen Wiedererkennungswert schaffen? Wie wirken wir zeitgemäß und pushen unsere Ideen in den Markt? Politiker sind doch letztlich auch nur Marken. Nein, sind sie nicht…

Bildergebnis für wahlplakat kraft 2017

Lindner ist da konsequenter

Der FDP-Chef war dabei noch konsequenter. Konsequent im Sinne von: gut! Er stellte sich, wahrscheinlich auch mangels Alternativen, mit dem Gesicht und zitierten Aussagen vorne an. Die Optik dabei entsprach modernen Kampagnen, wie man sie auch für Produkte des täglichen Bedarfs findet: klar, sauber, aufgeräumt und emotional.  So wie man es gerade halt macht. Das schaffte Vertrauen zu einer sich jung gebenden Partei, die wenig zu verlieren hat. Ob es einen solchen Wahlkampf auch aus einer starken Position heraus gegeben hätte?

Wahlplakat der FDP mit Christian Lindner

1,2, die Grünen

Die Grünen versuchten auf Personen und Themen zu setzen – gleichzeitig –  und positionierte unter 1. den Namen des jeweiligen Wahlkreiskandidaten auf die Plakate. Darunter fand sich, unter 2. dann eine politische Aussage. Gut gedacht, wirkt aber belehrend und beantwortet die Fragen nach dem wie gar nicht.

Wahlbanner

Überhaupt: Wahlkampf

Die Frage die sich alle Parteien stellen mussten ist aber Folgende: Ist ein Wahlkampf, wie er geführt wurde, noch zeitgemäß? Sechs Wochen vor der Wahl kriechen die Parteien aus ihren Zentralen und bevölkern Bäume, Laternenmasten und Innenstädte – political pollution! Mit großem Tschingderassabum werden Give-aways verteilt und Stände aufgebaut, Facebook gefüllt und Instagram getaggt.

Danach: wird alles wieder eingerollt und muss bis zum nächsten Einsatz warten.

Im Zeitalter der Dauerkommunikation ist ein solcher Einsatz nicht mehr zeitgemäß. Heute haben Politiker die Möglichkeit auch zwischen zwei Wahlen, ohne Aufwand an ihre Wähler heranzutreten. Aber kaum einer macht das… Kommunikation wird als Mittel zum Zweck betrieben. Nicht, um tatsächlich das Ohr am Volk zu haben. Nicht, um wirklich ins Gespräch zu kommen.

Die Realität wird auf dem Altar der schönen Bilder und knackigen Aussagen geopfert. Marken wurden dafür schon immer abgestraft! Insofern haben Politiker, Parteien und Marken durch gewisse Schnittstellen.

Was gilt es aus der NRW Wahl zu lernen?

Aus parteiübergreifenden Radiointerviews schallt mir heute entgegen: „Jetzt beginnt der Wahlkampf!“

Für den Wähler (in NRW, Kiel und dem Saarland) bedeutet das: nun werden neue Plakate aufgehängt und die Leute von gestern werben statt für einen Landes- für einen Bundestagkandidaten. Was es aber stattdessen braucht sind neue Formate der On-und Offlineansprache und die Förderung einer neuen politischen Kultur.

Die Parteien müssen sich überlegen, wie Politik wieder da ankommen kann, wo sie hingehört: bei denen die nicht für ein Amt kandidieren. Dazu gehören eigene parteiindividuelle Themen und Aussagen, die zulassen, dass ein Wir entstehen kann. Denn ein Wir braucht eine Abgrenzung gegen Die. Sonst entsteht ein Brei in den zwar jeder seine Gedanken und Wünsche interpretieren kann, der letztendlich aber immer zur Enttäuschung führen wird.

Die Parteien müssen verstehen, dass sie nur Vertreter der Demokratie sind und nicht die Demokratie selber. Aus dieser Demut kann dann das entstehen was gebracht wird: echtes Interesse für Demokratie und kein Hinterherhecheln nach Stimmungsbildern. Auf Seiten der Wähler und auf der der zu Wählenden!

Chef-Kommunikation. Warum „oben“ sein seine Tücken hat

Seit mehreren Tagen füllen Ursula von der Leyen und ihre Aussage, dass die Bundeswehr ein Haltungsproblem habe die Medien. Weiter spricht die Bundesministerin der Verteidigung von Führungsschwäche und falsch verstandenem Korpsgeist.

Ob das stimmt oder nicht soll an dieser Stelle nicht kommentiert werden. Auch, weil ich es nicht beurteilen kann.

Neben der inhaltlichen Bewertung und Deutung ist es spannend sich anzuschauen in welcher kommunikativen Lage sich von der Leyen befindet. Durch ihren Posten ist sie so etwas wie die Oberbefehlshaberin der Bundeswehr. Sie hat den höchsten Rang, ist der Chef. Gleichzeitig ist Sie als Ministerin auch Mitglied einer Partei, einer Fraktion, eines Regierung und den Wählern Rechenschaft schuldig.

Nicht ganz einfach

Die Rolle als Chefin bringt die Verteidigungsministerin in eine Zwickmühle, die schwer zu lösen ist. Als Boss der Bundeswehr ist sie die letzte Instanz, das letzte Glied in der Befehlskette. Somit erwarten die Öffentlichkeit und die Mitglieder ihrer Truppe ein letztendliches Wort über die Ausrichtung und die Hintergründe der Geschichte. Von der Chefin wird erwartet, dass sie ihren Laden in Schuss hält und an den Stellen interveniert, an denen es etwas zu tun gibt. Kein anderer Minister ist gleichzeitig auch Arbeitgeber einer ganzen Berufsgruppe – außerhalb seines oder ihres Ministeriums.

Das führt dazu, dass von von der Leyen erwartet wird, dass sie, ähnlich einem Chef in der freien Wirtschaft, sich vor ihre Mitarbeiter stellt und sich für sie ausspricht. Die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr erwarten eine Fürsprecherin die ihre Anliegen vertritt.

Ein Problem

Einerseits ist die Ministerin der Öffentlichkeit Rechenschaft schuldig und muss dafür sorgen, dass die Truppe entsprechend der Erwartungen unserer Zeit entwickelt wird. Andererseits ist sie Chefin die auf das Vertrauen Ihrer „Mitarbeiter“, der Soldaten angewiesen ist. Verliert sie das Vertrauen einer dieser beiden Parteien, dann verliert sie ihren Job.

Eine Herausforderung die auch viele Führungskräfte in der Wirtschaft kennen. Sie müssen ihr Unternehmen entwickeln, in die Gewinnzone lenken oder halten und gleichzeitig das Vertrauen und die Fürsprache ihrer Mitarbeiter behalten. Das schließt zu viel Offenheit aus. Die Einbindung in gegebenen Strukturen führt zwangsläufig zu einem Abflauen der eigenen Meinungsfreiheit. Gut, denn das „Vor-den-Kopf-stoßen“ wird dadurch wesentlich minimiert und gestaltet den Alltag stressfreier. Schlecht, denn Dinge die bekannt sind und gesagt werden müssten werden nicht gesagt.

Die Lösung

Von der Leyen muss sich nun entscheiden. Will sie die Bundeswehr grundlegend umkrempeln und offensichtliche Missstände aufdecken – so wie es die Öffentlichkeit verlangt. Oder entscheidet sie sich für den Weg, sich vor ihre Truppe zu stellen und das Thema langsam aus der Öffentlichkeit zu verabschieden.

Sie kann das Ganze auch aussitzen. Dann ist aber langfristig niemandem geholfen.

Es ist also nicht nur das mittlere Management das häufig in einer Sandwich-Position gefangen ist. Auch die „Oberste Heeresleitung“ hat schnell ein Problem, wenn es darum geht nach außen zu strahlen, ohne im Inneren dauerhaft Unruhe aufkommen zu lassen.

Daher müssen Führungskräfte vor allem eines sein: Kommunikationsknotenpunkte. Sie müssen Vertrauen sähen und dafür sorgen stets informiert zu sein. Sie müssen Themen ansprechen, wenn sie wichtig sind und antizipieren wie sich Sachverhalte entwickeln. Somit können sie vermeiden auf die eigenen Leute zeigen zu müssen wenn es mal schief geht. Denn schwarze Schafe gibt es immer. Ein Problem entsteht erst, wenn die Struktur die schwarzen Schafte erst möglich macht.