Warum wir Kommunikation über- und unterschätzen

Ich muss das dann noch kommunizieren…

Bei der Nutzung dieses Wortes kommunizieren, anstatt die Worte sagenbesprechen oder klar machen zu nutzen, stehen meine Nackenhaare immer ein Stückchen hoch. Die Inflation der Kommunikation ist überall spürbar. Jeder möchte professionell kommunizieren, denn irgendwie haben viele verstanden, dass das wohl nicht so ganz unwichtig ist.

Es ist spannend zu beobachten, für wie wichtig das Thema erachtet wird. Erfolg hängt an erfolgreicher Kommunikation.

Was aber geschieht ist das genaue Gegenteil. Indem wir über Kommunikation reden, vergessen wir Kommunikation zu machen. Das ist schade, unnötig und kostet Geld.

Überschätze Kommunikation

Tagesaktuell sorgt diese Mail für Furore, die Adidas an die Teilnehmer des Boston Marathon geschickt hat:

Ja, das ist dumm, unnötig, unsensibel und hätte vor Social Media niemanden interessiert. Adidas´Umsatz wird dadurch höchst wahrscheinlich kaum tangiert werden.

Der Fall ist aber ein Beispiel für die übersteigerte Sensibilität gegenüber den Äußerungen großer Unternehmen und Marken. Die Wirkung der Kommunikation mit werbendem Charakter wird überschätzt. Auch, weil sich nach solchen Fällen stets eine kleine Schar von Menschen sehr laut und sehr aufgeregt äußert und dadurch vieles größer erscheinen lässt als es ist.

Natürlich ist Reputation eine wichtige Sache die den Marken- und Börsenwert langfristig beeinflusst. Aber den oben skizzierten Fehltritt mit einem echten Desaster in einen Topf zu werfen ist schlicht falsch.

Überschätzte Kommunikation finden wir zur Zeit auch an zahlreichen Bäumen und Straßenlaternen.

Wie hier in meiner Arbeitsheimat, wo gerade der Bürgermeisterwahlkampf tobt, ist auch das Bundesland Nordrhein-Westfalen ob der drohenden Landtagswahl mit Plakaten vollgestopft. Plakate, die viel Geld kosten, viel Müll produzieren und deren kommunikative Wirkung hoffnungslos überschätzt wird.
Diese Form der Kommunikation stammt aus einer Zeit, als Litfaßsäule und Plakatwände tatsächlich noch die einzige Möglichkeit darstellten sich der breiten Masse zu präsentieren. Ab 1920 wurde diese Möglichkeit der Präsentation massiv genutzt. Knapp 100 Jahre später hat sich daran  kaum etwas geändert. Warum? Alle tun es, da will man nicht nicht dabei sein. Also überbieten sich Parteien und Kandidaten in visueller Umweltverschmutzung.

Kommunikation, zeitgemäße Kommunikation, findet dadurch nicht statt – wenn man zeitgemäß als dialogisch definiert. Noch immer dominieren, neben den Plakaten, Wahlkampfstände wie zu Adenauers Zeiten und der Dialog in den sozialen Medien steckt meist noch nicht mal in den Kinderschuhen.

Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen – Loriot

Unterschätzte Kommunikation

Jenseits der Werbung findet die Kommunikation statt, die ich als unterschätzte Kommunikation bezeichne. Der Dialog, der Austausch der dort stattfindet wo es weh tut. Wo man nicht automatisch bejubelt wird. Unterschätzte Kommunikation ist es auch deshalb, weil sie nicht attraktiv und plakativ ist, nicht sexy.

Für United Airlines hieße das nicht nur Regeln zu ändern, sondern mit dem eignen Unternehmen ins Gespräch zu kommen – unter Einbezug der Öffentlichkeit.

Es geht nicht um nett und freundlich

Gute Kommunikation ist nicht die Kommunikation die besonders wertschätzend oder freundlich ist, sondern diejenige die stattfindet. An vielen Stellen unterschätzen wir die Macht stattfindender Kommunikation und überschätzen das Schweigen, das dann rasch zum Aussitzen wird. Kommunikation stattfinden zu lassen ist der beste Weg nach dorthin wo es weh tut, denn man muss sich miteinander auseinandersetzen.

Häufig leitet uns die Angst, ein Dialog könnte nicht nett und freundlich seindahin ihn gar nicht stattfinden zu lassen.

Man kann zwar nicht nicht kommunizieren, aber einigen wir uns darauf, dass es nicht-Kommunikation gibt. Und die ist meist keine Lösung für irgendetwas.

Diese Erkenntnisse sind nicht neu. Umso betrüblicher ist es, dass wir noch immer über Ihre Umsetzung reden müssen.

Wasch mich, aber mach mich nicht nass…

… gilt auch in der Kommunikation. Da werden Seminare besucht, Bücher gelesen und Podcasts gehört. Umsetzen sollen die gute, die professionelle Kommunikation aber die anderen. Vielfach sind wir sogar überschult und sehen die Basis gelingender Kommunikation gar nicht mehr. Und die ist, ganz einfach: Interesse, Information und Wertschätzung, auch wenn man nicht einer Meinung ist!

Das gilt analog und digital.

 

 

 

 

Warum Politiker keine Marken sein sollten. Aber von ihnen lernen können…

Emotion schlägt Fakten

Nicht erst seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten wissen wir: nicht Fakten entscheiden unsere Wahlen, sondern die in uns ausgelösten Emotionen.

Dabei steht Wahl nicht nur für die Wahl bei Wahlen, sondern auch für tägliche Konsum-Entscheidungen. Coke oder Pepsi, Rossmann oder DM, McDonalds oder Burger King, Amazon oder Einzelhandel? Die meisten Entscheidungen treffen wir emotional – Doppelblindtests haben das zur Gänze schon mehr als einmal bewiesen.

Das Spannende: wir rationalisieren unsere Emotionen. Niemand von uns trinkt eine Cola, weil er sich dazu gezwungen fühlt. Vielmehr leiten wir die Entscheidung scheinbar rational her:

„Oh man, ist das warm. Bei so einem Wetter hilft nur eine eiskalte Cola.“

Und, zack, die Entscheidung liegt ganz bei mir. Ich habe mich entschieden, ohne jegliche Beeinflussung. Dass die jahrzehntelange Bedröhnung mit Cola-Flaschen, an denen Kondenzwasser herabperlt, eine Rolle spielen könnte. Das spielt in diesem hellen Moment der Rationalität keine Rolle.

Die innere Demokratie

Genauso pseudo-neutral bewerten wir Politikerinnen und Politiker.

„Gesicht, Alter, Geschlecht,… spielen für mich keine Rolle. Ich entscheide streng nach Inhalten.“ Ja, genau. Und wie oft hast Du das Wahlprogramm durchgearbeitet?

Marke geht immer

Und weil viele Strategen genau das begriffen haben, bekommen – Land auf, Land ab – Kandidaten für politische Ämter erklärt, dass sie zur Marke werden müssen. Das erfordere unsere Zeit nun mal. Und dann stehen sie da, verteilen Abreißblöcke mit ihrem Konterfei und Badezusatz mit einem lustigen Spruch. Der selten lustig ist. Oft peinlich.

Was fehlt ist das was eine Marke wirklich ausmacht

Hier hilft es einmal auf die englische Sprache zu schielen. Marke wird im dort mit brand übersetzt. Und das bedeutet: Brandzeichen! Ein Brandzeichen ist einfach, klar, hat einen Wiedererkennungswert und ist einzigartig. Einmal auf der Kuh, weiß jeder wem sie gehört.

Eine gute Marke macht genau das aus: man weiß wofür sie steht. Alles andere sucht man erst gar nicht bei ihr. Billiger Schokigenuss? Ist bei Lindt nicht zu finden. Im Luxus schwelgen? Du bist falsch bei Motel One.

Und Politikerinnen und Politiker? Hausieren mit den Insignien der Marken. Plakate, Flyer, Feuerzeuge, Blöcke, Stifte, große Plakate, kleine Banner, beklebte Autos und was sonst noch gebrandet werden kann.

Das Ganze dann vier-, maximal sechs Wochen vor der Wahl.

Der eigentliche Wert einer Marke wird dabei außen vor gelassen. Der Inhalt nämlich. Wofür steht die Person? Wie positioniert sie sich zu den Themen A,B,C? Was macht sie? Was nicht?

Was bekomme ich als „Käufer“?

Ähnlich wie bei einem Kauf braucht der Wähler Informationen über das was ihn erwartet, wenn er sein Kreuz setzt. Das Gesicht des Kandidaten auf möglichst vielen Give-aways wiederzufinden hilft nicht weiter.

So entsteht Politikverdrossenheit. Immer mehr leere Hüllen werden mit immer mehr Mitteln der modernen Werbung in den Markt gepresst.

Die FAZ kann behaupten, dass dahinter immer ein kluger Kopf stecke. Weil man weiß, dass Dullhörnchen selten die FAZ lesen. Cola kann fordern sich Freude aufzumachen. Weil sie auf eine lange Geschichte zurückblicken und wissen, dass quasi jeder Mensch irgendeinen netten Moment im Hinterkopf hat in dem ein Kasten Cola in der Ecke stand.

Politikerinnen und Politiker können das meist nicht. Sie sind unbeschriebene Blätter, die vielleicht ein bisschen über den Markenwert ihrer Parteien aufgeladen sind. Dass das nicht reicht, haben die Ergebnisse der SPD bei der Saarland-Wahl gezeigt.

Was braucht es also?

Die Antwort ist sehr einfach. Und sehr schwer umzusetzen. Es braucht den Mut sich einen Kern zu geben, eine Strategie zu entwickeln wofür man stehen möchte und gleichzeitig ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass dadurch zwangsläufig Themen wegfallen oder Wähler abgestoßen werden. Diejenigen, die sich aber wiederfinden werden begeistert sein und zu dem werden, was alle haben wollen… zu Markenbotschaftern!

Denn langfristig können nur Emotionen überleben, die auf Fakten fußen. Heiße Luft ist kurz schön, dann aber sehr trocken.

 

 

 

Warum die nicht-Kommunikation der „Pulse of Europe“-Bewegung hilft

Die großen geschichtlichen Ereignisse wurden oft von unbekannten Gläubigen verwirklicht, die nichts als ihren Glauben besaßen. – Gustave Le Bon

Die Pulse of Europe-Bewegung erfasst zunehmend immer mehr Städte. Sonntags, um 14 Uhr, füllen sich Plätze und versammelt Menschen, die gemeinsam für Europa demonstrieren.

Das ist gut, denn Europa steht schlechter da als jemals zuvor. Die Euphorie ist vorbei, die das Konstrukt verschiedener Länder, Kulturen und Ideen über Jahrzehnte einen konnte. Die Generation, die den Ruf Nie wieder Krieg aus eigenen Kriegserfahrungen nähren konnte, verstummt langsam.

Zurück bleibt eine Generation, für die Europa selbstverständlich ist. Kriegslosigkeit, Grenzenlosigkeit, Einigkeit. Eine Generation, die mehr erwartet, aber nicht genau weiß was. Ich zähle dazu.

Die Verwaltung Europas hat sich darüber hinaus nie mit Ruhm bekleckert, wenn es darum ging die Union so zu bewerben, dass sie attraktiv erscheint. Bürokratismus und Bananen-Normungen sind spürbar, alles andere kaum.

Das ist schade. Und es ist gut, dass nun eine neue Graswurzelbewegung ihre Stimme für Europa erhebt – Pulse of Europe. Die Bewegung ist eine Idee: Menschen treffen sich, Sonntags um 14 Uhr und erheben ihre Stimme für Europa, gegen diejenigen die es kaputtreden wollen.

Dabei sind die einzelnen Veranstaltungen kaum vernetzt, quasi jeder darf reden, es gibt keinen größeren festen Ablauf.

Diese nicht-Vernetzung in einer vernetzten Welt ist positiv. Denn sie lässt zu, dass sich Menschen entsprechend ihres eigenen Umfelds mit einer einheitlichen Idee identifizieren können. Pulse of Europe ist in Brüssel etwas anderes als in Berlin, als in München, als in Witten.

Das ist gut, denn damit löst die Bewegung das Grundproblem Europas – die Zentralisierung. Bei Pulse of Europe kann jeder sein eigenes Europa feiern, seine eigene Idee und bringt sich so in ein Kollektiv ein, das geschlossen für eine Sache einsteht.

Paradoxerweise führt erst die digitale Vernetzung zum Erfolg und zur Ausbreitung der Bewegung. Ohne Facebook und Co. hätte Pulse of Europe nie ein kritische Masse erreichen können.

Was sollten Europapolitiker tun?

Die Bewegung ist ein Segen für immer mehr ratlos erscheinende Europa-Politiker, denn sie zeigt, dass die Europäer Europa wollen – als Inhalt. Die Form allerdings lehnen viele Menschen ab. Andersrum wäre es schlecht, so ist es ein lösbares Problem.

EU-Politiker sollten sich nun aufmachen und der Bewegung beitreten, sie anhören, ohne sie zu okkupieren. Denn was Europa nicht braucht sind ein Europa der Bürokraten und eines der Bürger.